24. Dezember 2010

Frohe Weihnachten!

Hallo an euch alle! Wie geht es euch im verschneiten Deutschland?

Nun ist doch wirklich schon der 24. Dezember, Weihnachten. Ich habe den Blog in den letzten Wochen sehr vernachlässigt, tut mir Leid. Dafür gibt es nun ein umso längeres Update was ich im Advent so getrieben habe.

In den letzten Schulwochen war einiges los und Paul und ich steckten mitten in den Vorbereitungen für die "Christmas Hamper" (Weihnachtspakete) für bedürftige Familien der Schule. Dazu wurde vor Wochen im Kollegium nach Vorschlägen gefragt und natürlich hatten auch die Schulpsychologen und Paul selbst einige Schüler im Auge. So erstellten wir nach und nach Profile und kamen am Ende auf 72 Pakete. Bei den entsprechenden Leuten riefen wir natürlich vorher an, fragten, ob sie ein Paket haben wollen würden und auch was sie dieses Jahr besonders brauchen würden (Kleidung fürs Baby, Kosmetikartikel, Küchenutensilien - alles war irgendwie dabei.) Die Nachfrage ist, wie schon früher erwähnt, viel größer. Nachdem die Profile verschlüsselt wurden, sodass niemand die Familien erkennen kann, wurden sie in die Klassen gegeben. So hatte nun jede Klasse ein Paket zu packen, in das von uns vorgegebene Sachen kamen. In der letzten Schulewoche wurde diese dann von Lehrern ausgeliefert... und ich war froh, dass der Stress weniger wurde!
Am 2. Advent hatten Artemysia und ich ein großes Plätzchenbacken geplant. 4 Sorten sollten es werden und wir hatten jede Menge Spaß dabei und genauso viele Pannen. So war uns zum Beispiel nicht bewusst, dass der Ofen die Gradzahl in Fahrenheit anzeigen würde, weil Kanada eigentlich mit Celsium rechnet. Es war nur irgendwie komisch, dass das erste Blech mit Plätzchen nach einer halben Stunde immernoch genauso aussah wie zu dem Zeitpunkt als wir es in den Ofen geschoben hatten. Am Ende war das Ergebnis aber sehr zufriedenstellend und jeder von uns hatte eine ordentlich Portion an leckeren Keksen, die ihr auf den Fotos bewundern könnt. Am dritten Advent musste aufgrund zu schnellen Verzehrens dennoch eine weitere Plätzchenbackaktion stattfinden. Diesmal in einem anderen Ofen.
Denn wie vor einigen Wochen angekündigt, war ich nun endlich umgezogen. Eine Freundin, Sue, die an der Schule wahre Wunder mit Problemkindern vollbringt, ist über Weihnachten nach Europa gegangen und hat mich gebeten ihre Katze und das Haus zu sitten. So packte ich in der zweiten Adventwoche meine sieben Sachen und bemerkte dabei, dass ich schon jetzt viel zu viel besitze um das für den Rückflug in meine Koffer zu packen. Nun sitze ich aber erstmal in einem wunderschönen kleinen und gemütlichen Haus mit einer Katze und darf mich ganz zuhause fühlen. Die Gegend ist sehr schön. So bin ich nur 10 Minuten von Little Italy (einem Viertel mit vielen kleinen Cafes und Restaurant) und China Town entfernt. Auch die Outdoor-läden und der Kanal sind nicht weit weg. Wie man sicherlich bemerkt, ich bin absolut begeistert.
Wenngleich ich in den ersten Tagen vor Begeisterung lieber nicht in die Luft springen sollte, da dies zuviel Gefahrenpotential für meinen Rücken in sich barg. Tja, denn wenn man schonmal im Ausland ist, sollte man jede mögliche Erfahrung machen. Einen Tag vor dem Umzug kam ich mit zu nassen Schuhen in die Schule und rutschte im Treppenhaus aus und landete knallhart auf meinem Rücken. Zum Glück nur auf der Seite, da ich noch im Sturz dachte "Bloß nicht auf die Wirbelsäule! Bloß nicht auf die Wirbelsäule!!!" Als ich mich nach einer Stunde immernoch nicht richtig bewegen konnte, beschlossen Paul und Sue mich in ein Krankenhaus zu fahren. Ich landete im Montforte und durfte nun das kanadische Krankenhaussystem kennenlernen. Es gab nummerierte Wartebereiche, die man durchlaufen musste. Zuerst kam ich in den Bereich A, da ich noch niemanden gesehen hatte. Dort bekam ich aber immerhin einen Rollstuhl. Eine nette Schwester befragte mich daraufhin, was passiert sei und wie schwer es schmerzen würde. Danach durfte ich mich in den Bereich B setzen Von dort aus ging es dann an die Rezeption, wo nicht gerade freundlich meine ganzen Daten aufgenommen wurden. Dass ich zwar versichert, aber nicht ein typischer Patient war, bescherte der Dame noch schlechtere Laune und mir einen entgültigen Tränenausbruch. Ich fühlte mich so unsicher, wusste nicht wie genau es ablaufen würde und noch dazu schmerzte der Rücken höllisch. Am Ende des "netten Gesprächs" sagte sie mir mit einem Supermarktkassenton "Das macht dann 495$." Es gab wenige Momente in den letzten Wochen, wo ich mir gewünscht hätte nach Hause zu fliegen. Das war einer davon.
Danach war ich eine Woche krank geschrieben. Zum einen wegen des Rückens, zum anderen wegen der Medizin dagegen. Mir wurde sogenanntes Oxicodon verschrieben. Das ist ein Schmerzmittel, dass aber unter anderem Müdigkeit, Glücksgefühle und ein nettes Schwindelgefühl auslösen kann - unterm Strich gesagt, macht es high. Sue erzählte mir, dass ich pro Pille in der Schule von Schüler locker 30$ bekommen könnte, da es eine sehr beliebte Droge sei. Natürlich habe ICH die Pillen brav nach Vorgaben des Arztes genommen und sie dann in eine Schublade verbannt.
Damit hatte sich vorerst aber auch mein Schulalltag verabschiedet, was aber auch nicht so schlimm war. Sue musste ebenfalls krankheitsbedingt zuhause bleiben und so machten wir uns ein paar gemütliche Tage und ich genoss die Zeit mit ihr wirklich sehr. Wir schauten uns die Gegend an, machten einige Einkäufe und organisierten ihre Reise nach Europa, wobei ich ihr vor allem bei Deutschland sehr behilflich sein konnte. Ich lernte auch einige ihrer Verwandten kennen, die alle wirklich sehr nett waren und von denen jeder mindestens schon einmal in Europa war. Am 17. flogen Sue und ihr Mann dann Richtung London, was dazu führte, dass ihre Reise nicht so begann, wie sie sich das vorgestellt hatten. Mittlerweile sind sie aber da, wo sie hinwollten und hoffen, dass trotz des Wetters ihre Reise gut verläuft.
Ich habe die letzten Tage mit Freunden verbracht, die ja jetzt über Weihnachten nach Hause fahren. Es ist seltsam, denn viele von ihnen habe ich zum vorletzten Mal gesehen, denn wenn sie wiederkommen, werde ich mit Jörg wohl schon auf unserer großen Nordamerikatour sein. Am Ende bleiben uns noch 5 Tage in Ottawa, die aber wahrscheinlich gerade mal zum Aufwiedersehen-Sagen reichen.

Nun ist aber erstmal Weihnachten und ich bin heute Abend aber auch morgen bei Freunden eingeladen und sehr froh darüber. Jetzt da Heiligabend ist denke ich vor allem an meine Familie zuhause in Sonneberg und an Jörg und seine Familie. Es ist traurig nicht dort zu sein, nicht bei denen sein zu können, die man liebt und die mein ganzes Leben lang jedes Jahr mit mir am Weihnachtsbaum saßen. Ihr fehlt mir.
Auch meine Freunde seien hiermit herzlich gegrüßt. Ich habe euren Plätzchenbackbrief bekommen und mich riesig gefreut. Ihr seid die Besten.

Euch allen wünsche ich frohe, besinnliche und gesegnete Weihnachten, dass es nicht einfach nur Kommerz ist, sondern dass ihr wirklich das fühlen und feiern könnt, worauf es in diesen Tagen ankommt. Die Liebe zu den Menschen, die immer für uns da waren und hoffentlich auch immer sein werden.
In diesem Sinne: Frohe Weihnachten.

29. November 2010

Kleinigkeiten des Alltags - Teil 6

Bevor der November gänzlich vorbei ist, kommt hier noch eine  Kleinigkeit. Der November wird in Kanada schnell mal zum Mo-vember gemacht. Warum? Mo ist die Kurzform von Moustache und bedeutet Schnurrbart. So lassen sich im November viele Männer einen Bart stehen und sich dabei von Freunden und Bekannten sponsoren. Das Geld geht für einen guten Zweck an eine Stiftung für die Behandlung des Brustkrebs bei Männern. Dabei sieht man die lustigsten Exemplare und bei vielen Männern wird deutlich warum sie eigentlich keinen Bart tragen sollten... es ist auf alle Fälle in der Schule immer ein großer Spaß für Lehrer und Schüler!

28. November 2010

Die Vorbereitung auf die Ankunft

Hallo an Euch alle!
Auch hier wird es Advent. Man mag es zwar kaum glauben, aber es ist so. In den Geschäften läuft schon ordentlich Weihnachtsmusik, die Einkaufscenter sind voll von Weihnachtsbäumen und es scheint, dass hier die Menschen mit dem 1. Advent schon im Geschenkekaufstress sind. 
Eigentlich hatte ich dieses Jahr nicht vor, mir einen Adventskranz zu machen, doch dann lief ich über den Markt und sah überall das Tannengrün und es roch tatsächlich ein wenig wie... Weihnachten... und so lief ich wenige Minuten später freudestrahlend, ein Bündel Tannenzweige umarmend wieder nach Hause. Dank dem netten Herrn am Stand bekam ich kostenlos sogar ein paar Tannenzapfen dazu. Noch schnell 4 Kerzen und etwas schönes Geschenkband gekauft und so wurde der Samstagabend zur Bastelstunde. Den Werdegang und das Ergebnis seht ihr im Album. Euch allen wünsche ich einen schönen 1. Advent, dass etwas Ruhe einkehren kann und dass das, was in dieser Zeit besonders wichtig wird, euch täglich begleitet - die Vorbereitung auf die Ankunft des Herrn.



25. November 2010

An Tagen wie diesem....

Ich komme gerade aus der Schule und habe einen Tag hinter mir, der sich länger anfühlt als er eigentlich war. Warum?!

Ich hatte schon längere Zeit den Gedanken einen Text zu meinen emotionalen Erfahrungen zu schreiben, denn wie schon erwähnt – dies ist kein normales Auslandssemester. Täglich kommen Schüler zu Paul und mir, wollen einfach nur jemanden, der zuhört, der sich ihnen widmet. Täglich werden wir mit jungen Schicksalen konfrontiert, mit Problemen die Kinder in diesem Alter einfach nicht haben dürften. Fast wöchentlich finden Veranstaltungen und Konferenzen für Schüler statt, die sich um ihr Leben, um ihre Zukunft, im Generellen um die psychische Fürsorge kümmern. So trafen sich zum Beispiel vor einigen Wochen alle Jugendgruppen der Schulseelsorger für einen Tag um zum Thema „Liebe an-ziehen. Propheten im 21. Jahrhundert“ Vorträge zu hören, zu diskutieren und künstlerisch tätig zu werden. Ich war dabei und durfte alles ein wenig beobachten und den Vorträgen lauschen. Der Unikurs, den ich besuche dreht sich vor allem darum wer wir (die Kursteilnehmer) sind und was unsere Art der Seelsorge ist, welchen Stil wir im Umgang mit Menschen haben und wie wir uns entwickeln können auch in Hinsicht unseres Glaubens- und Gottesverständnisses. Dazu müssen wir Situationen aus unserem Tätigkeitsbereich sehr genau analysieren und Komponenten wie Psychologie und Theologie mit einbringen. Alles in allem ist diese Zeit hier zu einem absoluten Selbstfindungs- und Erkenntnisprozess geworden. Und dies verlangt einiges ab.
Dazu einige Zahlen, die zum Teil recherchiert sind, zum Teil aus persönlichen Erfahrungen stammen. Jedes zweite Paar in Kanada wird geschieden. Die Hälfte davon heiratet wieder, und ein gutes Drittel dieser Gruppe lässt auch die zweite Ehe scheiden. 2009 wurde ermittelt, dass bei 40% der kanadischen Frauen und 41% der kanadischen Männer im Laufe ihres Lebens Krebs diagnostiziert wird. Im Durchschnitt betrifft das jede Familie mindestens einmal. Tendenz zunehmend. Jeder zweite Schüler in Kanada wurde bereits gemobbt. Jede dritte Frau wird bis zu ihrem 30. Lebensjahr sexuell missbraucht, belästigt; verletzt sich selbst, hat Essstörungen, Suizidgedanken oder leidet unter psychischen Problemen. Jeder dritte Kanadier hat mindestens einmal in seinem Leben unter der Armutsgrenze gelebt... Jeder 10. schafft es nicht mehr zurück.
Vor allem heute habe ich den Eindruck, dass mich diese Fakten überall hin verfolgen. Kein Tag an der Schule vergeht ohne die Sichtbarkeit von mindestens einem davon. Erst heute wieder hatte ich mit einem Mädchen zu tun, dessen Vater sie zum Psychologen schickt, weil sie mit der Schizophrenie der Mutter nicht zurecht kommt. Ebenso ein Junge der 7. Klasse, der aufgrund der Krebstherapie eine neue Hose bestellen musste. Die alte war 3 Nummern zu groß. In der Religionsstunde heute kam ein Vertreter einer Organisation der Stadt in die Klasse, die sich um die Obdachlosen und Armen kümmert. Er kam mit erschreckenden Zahlen. Und letztendlich durfte ich online eine Liste erstellen von Weihnachtskörben für Familien der Schule, die sich kein Weihnachtsessen geschweige denn Geschenke leisten können. Es waren Familien mit 4 Kindern dabei; Großeltern, die sich um ihre Enkel kümmern weil die Eltern geschieden oder tot sind oder sich einfach nicht um die Kinder kümmern wollen. Bei den meisten Profilen war das Elternteil alleinstehend und die Kinderanzahl viel zu groß. Es waren Schüler der Schule darunter, die schon mit 14 in eine eigene Wohnung gezogen sind, neben der Schule jobben und versuchen ihren Abschluss zu meistern. Insgesamt waren es 60 Profile, die Anzahl der Anfragen übersteigt dies weit.

An Tagen wie diesem ist es schwer, seine Gefühle aus dem Spiel zu lassen, sich vom Mitfühlen nicht ins Mitleid zu verlieren. An Tagen wie diesen wird mir klar, wie gut es mir geht und wie stark diese Menschen sind. Es ist nicht so, dass sie bedauert werden wollen aber es ist erstaunlich, wie vor allem diese Kinder an der Schule (, die entweder geschiedene Eltern oder einen Krebsfall mit Todesfolge in der Familie haben) versuchen ihr Leben zu meistern.
An dem Tag als sich die Jugendgruppen trafen und ich den Vortrag über den Einfluss einer Scheidung der Eltern, über die Auswirkung unerfüllter Liebe auf Kinder hörte, rief ich spontan meine Eltern an, um ihnen zu sagen wie stolz und dankbar ich bin. Klar, das mag vielleicht für den einen oder anderen Außenstehenden zu sentimental klingen. Aber täglich mit diesen Dingen in Verbindung zu sein, hat mir bewusst gemacht, dass es nicht mehr selbstverständlich ist, wie ich aufgewachsen bin, dass meine Eltern immer noch verheiratet sind und dass ihre 3 Töchter alle den Weg in eine Universität geschafft haben und immer noch gerne nach Hause kommen. Ich habe an diesem Tag auch an Freunde und Bekannte gedacht, deren Eltern geschieden sind und auch hier ist zumindest mir klar geworden, dass es ebenso nicht selbstverständlich ist, dass sie Ausbildungen abschließen, an die Uni gehen, selbst heiraten und starke Persönlichkeiten entwickelt haben.

Ich möchte mich auf diesem Weg bei allen bedanken, die stets für mich da gewesen sind, bei meinen Eltern, Großeltern, bei Elisabeth und bei Jutta; bei Jörg, bei allen, die mich auf meinem Weg begleiten, seien es meine Freunde oder Menschen in meiner Heimatgemeinde und in Jena, Dingelstädt, Scheinfeld, Hamburg und anderswo und bei Menschen, die mich herausgefordert haben.
Ich merke jeden Abend, dass diese Erfahrung mich einiges an Kraft kostet und dass nach Kanada sicherlich einiges anders sein wird. Was genau, das wird sich noch zeigen...

15. November 2010

Kanada gedenkt - Rememberance Day

Sonntagabend. Zeit für einen Tee und einen Blogeintrag! Hallo an euch alle! Wie geht es euch? Bevor ich zu meinem sonntäglichen Studentengottesdienst gehe, wollte ich doch ein paar Zeilen über die vergangene Woche schreiben. Während in Deutschland am 11.11. um 11:11Uhr die Narrenzeit begann, standen in Kanada alle Autos und Maschinen still. Es war Rememberance Day. Das ist ein sehr besonderer Tag, was mir vor allem am Donnerstagmorgen deutlich wurde als ich in die Schule kam und Paul im Anzug mit Hemd und Krawatte erschien. Die Tage zuvor konnte ich nur Informationen aufschnappen wie: Kanada gedenkt seinen gefallenen Soldaten; es geht vor allem um den 1. und 2. Weltkrieg, es hat etwas mit Mohnblumen zu tun; es gibt eine große Zeremonie am Kriegsdenkmal und die Läden öffnen erst Mittag.
Nach ein paar Gesprächen und einigen Minuten bei Google kann ich folgenden Hintergrund dazu geben. Der Rememberance Day wird vor allem in den Commonwealth Ländern gefeiert, nachdem ihn König Georg V. im Jahre 1918 zum Gedenken der Gefallenen im 1. Weltkrieg einführte. Das Datum rührt daher, dass dieser offiziell am 11. Tag des 11. Monats zur 11. Stunde zu Ende war. Und so kamen auch dieses Jahr tausende Menschen zu dieser Zeit zusammen um zu gedenken. Jede Schule hat ihre eigene kleine Gedächtnisfeier zu der immer Soldaten eingeladen werden, die gedient haben oder noch dienen. So auch an meiner Schule. Um kurz nach halb neun begannen wir in der Turnhalle. Das Programm war gefüllt mit einer Rede der Direktorin, einem Gebet, für das Paul verantwortlich war und einem Vortrag eines jungen Offiziers, der letztes Jahr in Afghanistan von einer Miene schwer verletzt worden war. Schüler aller Klassenstufen nahmen an der Zeremonie teil und hörten sehr genau zu als der junge Soldat mit Bildern seine Erlebnisse schilderte. Es folgte eine kurze szenische Darstellung von der Theatergruppe, die wirklich gut und angemessen war. Sie stellten die Lebenswege zweier Soldaten dar. Einer, der nach dem Krieg wieder nach Hause kam und ein anderer, der dort starb. Alles geschah ohne Text und es war wirklich eindrucksvoll und rührend. Selbst ich musste mir einige Tränen verkneifen, dachte ich dabei doch auch an die Kriegsgeschichte Deutschlands. Das Schulorchester spielte die Nationalhymnen Englands und Kanadas und am Ende wurde den gefallenen Soldaten des Jahres 2010 in Afghanistan gedacht. Es waren 31. Nach der Zeremonie machte ich mich auf zum Kriegsdenkmal, dass mitten in der Stadt liegt. Lutz und Bea, ebenfalls Erfurter Studenten hatten auch beschlossen, sich die Feier anzuschauen. Je näher wir dorthin kamen, desto mehr rote Mohnblumen konnten wir sehen. Tage zuvor schon werden diese als Anstecknadeln in allen öffentlichen Einrichtungen ausgegeben. Das Format für diese ist patentiert und andere Anstecknadeln in Form von Mohn werden ungerne gesehen. Die Geschichte dazu ist eigentlich sehr schön, wenn sie nicht zugleich auch so traurig wäre... Im ersten Weltkrieg waren viele Soldaten in Flandern stationiert. Als nach einer großen Schlacht hunderte von Holzkreuzen dort aufgestellt wurden, wuchsen zwischen ihnen nach einiger Zeit Mohnblumen zu hauf. Das Rot der Blüten erinnerte vor allem an das vergossene Blut. Ein kanadischer Lieutnant namens John McCrae schrieb daraufhin ein Gedicht, das manche von euch vielleicht kennen. 

In Flanders Fields

In Flanders fields the poppies blow
Between the crosses, row on row,
That mark our place; and in the sky
The larks, still bravely singing, fly
Scarce heard amid the guns below.

We are the dead. Short days ago
We lived, felt dawn, saw sunset glow,
Loved, and were loved, and now we lie
In Flanders fields.

Take up our quarrel with the foe:
To you from failing hands we throw
The torch; be yours to hold it high.
If ye break faith with us who die
We shall not sleep, though poppies grow

In Flanders fields

Auf Flanderns Feldern

Auf Flanderns Feldern blüht der Mohn
Zwischen den Kreuzen, Reihe um Reihe,
Die unseren Platz markieren; und am Himmel
Fliegen die Lerchen noch immer tapfer singend
Unten zwischen den Kanonen kaum gehört.

Wir sind die Toten. Vor wenigen Tagen noch
Lebten wir, fühlten den Morgen und sahen den leuchtenden Sonnenuntergang,
Liebten und wurden geliebt, und nun liegen wir
Auf Flanderns Feldern.

Nehmt auf unseren Streit mit dem Feind:
aus sinkender Hand werfen wir Euch
Die Fackel zu, die Eure sei, sie hoch zu halten.
Brecht Ihr den Bund mit uns, die wir sterben
So werden wir nicht schlafen, obgleich Mohn wächst
Auf Flanderns Feldern.

Dieses Gedicht wurde eines der populärsten über die Thematik der Sinnlosigkeit des Krieges und die Mohnblume wurde daraufhin zum Symbol des Gedenkens der Gefallenen. Einige Jahre später während des 2. Weltkrieges waren kanadische Soldaten wieder in dieser Gegend stationiert. Es war Sommer und der Mohn blühte in Unmengen. So schickten viele von ihnen gepresste Blüten nach Hause und prägten somit weiterhin den symbolischen Charakter dieser Blume.
Heute werden die Anstecknadeln vor allem zugunsten von Stiftungen ausgeteilt und am Ende der Zeremonie legen am Kriegsdenkmal viele Besucher aus Zeichen der Solidarität ihre Anstecker dort nieder, wie ihr es auch auf den Fotos sehen könnt.
Die Zeremonie selbst war, so habe ich gehört, sehr andächtig und von vielen hohen Tieren besucht. Ich stellte an diesem Tag leider fest, dass ich viel zu klein für kanadische Verhältnisse bin und wir kamen auch etwas spät um noch die begehrten Plätze auf den Brückenpfeilern und Parkbänken zu ergattern. Wie voll es wirklich war, könnt ihr auf den Fotos sehen. Es waren einige hohe Tiere anwesend sowohl aus Kanada als auch Englands, deswegen gab es auch eine ordentliche Portion Scharfschützen auf den Dächern rund herum – die konnte ich wenigstens noch sehen. Alle Militäreinheiten waren vertreten, unter anderem die Navi und auch die berühmten Ranger! Ja, es gibt sie wirklich: die mit den roten Jacken und den komischen Hüten. Ebenso vertreten war die Luftwaffe, die zweimal in Formation über die Veranstaltung hinwegflog, was wirklich eindrucksvoll war. Außerdem war auch eine Abordnung der englischen Garde da sowie einige Schotten, die mit Dudelsäcken für einen Großteil der musikalischen Gestaltung sorgten. Schaut euch die Bilder an... es war fantastisch. Punkt 11 Uhr stand alles still und es folgten 21 Salutschüsse, die wirklich den Boden beben ließen. Nach der Feier konnte man überall Männer in jeglichen Uniformen sehen und in den Restaurants gab es spezielle Rabatte für Angestellte des Militärs. Lutz, Bea und ich werteten bei einem Lunch alles etwas aus. Wenngleich es ein riesiges Aufgebot an Militär war und eine Menge Vertreter des Staates anwesend waren, so kam es uns dennoch sehr andächtig vor. Wir hatten nicht das Gefühl, dass es sich hier um ein zur-Schau-stellen handelten, sondern das der Fokus wirklich auf das Gedenken gelegt wurde. Es gab weder Applaus noch große Reden. Nur zwei Gebete und ein feierliches Ablegen vieler Kränze am Denkmal. Auf uns machte es genau den Eindruck, den mir Paul am Morgen prophezeit hatte: dies war ein besonderer Tag für Kanada.

7. November 2010

Alltag

Nachdem dieser Blog mir fast in den Winterschlaf gefallen wäre, dachte ich die Stunde, die es heute extra gab für einen neuen Eintrag zu nutzen. Die letzten Wochen verliefen allerdings mehr im Alltagstrott, als dass es etwas überaus Spannendes zu erzählen gäbe. Aber dennoch gibt es ein kleines Update, was ich mittlerweile so treibe.
In der Schule läuft alles wie gewohnt. Ich komme morgens um kurz nach 8 Uhr an, schließe das Büro auf und begebe mich seit einiger Zeit nun immer auf den Nordflur, um da mit den Betreuungslehrern die Kinder noch vor der Hymne in die Klassen zu scheuchen und natürlich um ein wenig zu tanzen. Während der Hymne stoppen wir Schüler, die zu spät sind und fordern sie auf bis nach den Ankündigungen für den Tag dort still zu stehen, wo sie sind. Danach geht es dann meistens an die Arbeit. Paul hat meist schon eine lange Liste von Dingen, die wir den Tag erledigen müssen: Kinder sehen, um ihnen Uniformen, neue Unterkünfte, etwas zu Essen oder andere lebensnotwendige Dinge zu beschaffen; mit Schülern reden (sei es einfach so oder weil gerade ein Verwandter, Freund etc. gestorben ist);Veranstaltungen organisieren und wenn ich Paul mal nicht helfen kann, weil es sich um Papierkram handelt, dann bereite ich die Morgengebete vor. Mittlerweile stehen alle bis Weihnachten und ich glaube, Paul würde sich riesig freuen, wenn ich noch bis zum Halbjahresende vorarbeiten könnte. Solange habe ich allerdings dazu nicht mehr Zeit. In drei Wochen werde ich dann die Schule wechseln. Dann geht es an eine relativ neue Schule, in der das eigentliche Problem, so wurde mir gesagt, der Reichtum der Kinder ist. Betreuen wird mich da Sister Shelly, die ich auch schon kennengelernt habe und die nun zu meinem Supervisor für das gesamte Praktikum geworden ist. Das bedeutet, dass ich mich wöchentlich mit ihr treffe und reflektiere, was ich eigentlich mache und vor allem, wo die Theologie in meinem ganzen Tun steckt. Diese Geschichte gehört zu dem Unikurs, den ich immer noch besuche und der vor allem eines bringt: Selbstreflexion und Situationsanalysen. Es ist wirklich interessant wie viele Facetten man an einem Erlebnis und auch an sich selbst erkennen kann, wenn man sich die Zeit zur Betrachtung nimmt.
Des Weiteren habe ich den November für mich zum Hospitationsmonat erklärt. Das bedeutet, dass ich pro Tag mindestens eine Religionsstunde besuche. Ebenfalls habe ich in Eigeninitiative ein paar Deutschkurse an der Uni und an einer anderen Schule gefunden und die Professorin war zufälliger- und glücklicherweise auch die Lehrerin der Kurse an den Schulen und so durfte ich aber letzter Woche auch dort beisitzen und sogar schon kleine Einheiten selbst übernehmen. Da die Kurse aber Donnerstagabend von 18:30 bis 21:15 und Samstagvormittag 9:00 bis 12:30 sind, ist mein Wochenplan ziemlich ausgefüllt und an größere Reisen ist kaum noch zu denken. Das wird sich aber mit dem 17. Dezember ändern. Da ist sowohl das Schuljahr als auch das Unisemester vorbei und ich werde an diesem Tag ebenfalls meine Unterkunft wechseln. Eine Freundin, die Seelsorgerin an der Schule ist, fliegt ironischerweise über Weihnachten nach Deutschland und fragte mich, ob ich nicht ihr Haus sitten wollen würde. Da habe ich natürlich nicht nein gesagt, da ich zu Weihnachten doch etwas Ruhe gebrauchen kann... Im Haus läuft es leider noch immer nicht besser. So verfliegen nun doch so langsam die Wochen und ich zähle die Tage bis zum 27. Dezember, wenn Jörg kommen wird. Der Plan wohin es dann gehen wird steht. Es soll eine große Rundtour durch Kanada und den U.S.A. werden. Silvester werden wir in Chicago sein, dann geht nach Denver in die Rocky Mountains und per Flug nach Washington D.C., weiter nach New York und wieder zurück mit Zwischenhalten in Montreal und Quebec City. Am Ende stehen noch ein paar Tage in Ottawa, was letztendlich eine Art Mix aus den Dingen ergibt, die Jörg damals bei seinem Auslandssemester und ich nun bei meinem gesehen haben. Ich sage mir immer, dass das ja nun nicht mehr so lange dauert. Denn ehrlich gesagt, ich vermisse Deutschland und ich vermisse Jena. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich etwas falsch mache und warum ich einfach nicht die Art Begeisterung verspüre, die viele meiner Freunde hatten, als sie weg waren. Aber eine gute Freundin hat mir erzählt, dass es ihr damals genauso ging bis sie im letzten Monat herumreiste. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich dann auch ins Schwärmen komme. Bis jetzt ist mein Aufenthalt aber eher von Arbeit und Alltag geprägt.
Ansonsten verbringe ich die übrige Zeit im Fitnessstudio oder beim Schwimmen, gehe in die Stadt und treffe mich mit Freunden, wie zum Beispiel Artemysia, die ihr auf den Bildern vom Jackenraubzug sehen könnt. Ich habe sie beim Kaffee und Kuchen zum Tag der Deutschen Einheit kennengelernt. Sie besucht hier Deutschkurse und will vielleicht bald auch ein Semester in Erfurt verbringen. Auch Bradley sehe ich häufig und durch ihn treffe ich auch viele andere von Amys Party regelmäßig. Und mit Adam gehe ich häufiger Sushi essen...
Heute war ich zum ersten Mal im Gottesdienst einer Kirchgemeinde, was mir wirklich gut gefallen hat. Ich werde definitiv nächsten Sonntag wieder hingehen. Der Gottesdienst war um 19:30 und ist speziell für die Studenten und junge Menschen der Stadt ausgelegt und das konnte man auch merken.
Die Temperaturen pendeln sich hier nun um den Nullpunkt ein und gab auch schon Schnee, der allerdings noch nicht liegen blieb. Die Prognose der junge Dame im Strickgeschäft besagte allerdings, dass es noch circa 10 Tage dauern würde, bis der Winter käme. Ja richtig, Strickgeschäft! Ich stricke und habe auch schon das erste Paar Handschuhe fertig und arbeite jetzt an einem Alpakawollschal :)
Und zum Schluss für alle die es interessiert: ich habe mir gestern ganz spontan meine Haare abschneiden lassen und sehe mit richtig kurzen Haaren gar nicht so schlecht aus. So, das war´s für´s Erste mit diesem Update. Die nächsten Einträge werden wahrscheinlich wieder kleine sein, da sich wie gesagt, hier der Alltag einschleicht und ich für lange Einträge leider nicht mehr soviel Zeit und auch nicht genügend Stoff zur Verfügung habe. Aber ich denke, das ist euch doch auch ganz recht. Schaut im Übrigen immer mal bei meinem Picasawebalbum rein. Ich lade öfter mal Fotos hoch, ohne dazu hier Texte im Blog zu schreiben. Der Link kommt hier:


Ich wünsche euch eine schöne Woche! Ich vermisse euch und zähle wirklich die Tage bis ich wieder nach Deutschland fliege. Es freut mich aber immer mal zu hören, dass es euch allen soweit gut geht. Bis bald und kanadische Grüße :)

26. Oktober 2010

Kleinigkeiten des Alltags - Teil 5

Eines der gefährlichsten Dinge, die Ottawa zu bieten hat?! Öffnungszeiten bis 22 Uhr abends! Warum?! Weil man dann mindestens einmal täglich in irgendein Geschäft rennt und wirklich immer etwas finden wird. Von einer Insiderin habe ich aber nun folgendes erfahren: die Kanadier sind nicht dumm, wenn es ums verkaufen geht. Ein Kanadier würde ein Kleidungsstück niemals zum Normalpreis kaufen, nein. Denn alle zwei Wochen werden die Läden mit neuen Kollektionen versorgt. Das bedeutet das "alte" Zeug muss raus und wird um 50 - 70 % im Preis gesenkt. Warten lohnt sich also... Die Strategie der Läden ist allerdings, dass man, wenn man schon mal dabei ist, viel mehr einkauft und vielleicht auch Dinge mitnimmt, die nicht im Ausverkauf sind. Raffiniert!