Unser erstes Ziel sollte Chicago sein. So packten wir am 30. morgens unsere Taschen und fuhren gegen Mittag mit dem Greyhound (dem kanadischen/amerikanischen Überlandsbus) los. Die Fahrt sollte 22 Stunden dauern und dreimal umsteigen beinhalten, was eine Menge Erlebnisse versprach. Der erste Abschnitt führte uns nach Toronto, wo wir anderthalb Stunden Aufenthalt hatten uns so beschlossen noch gemütlich einen Kaffee zu trinken. Es war gegen sechs Uhr abends. Wir verließen unseren Bus und lächelten ein wenig über den Andrang an Menschen, die für den Bus nach New York City anstanden, um dort wohl Silvester zu verbringen. Es waren um die 200 Menschen. Mit dem Gedanken, nur nach Buffolo zu müssen, tranken wir im Stationsgebäude unseren Kaffee. Sei es Eingebung oder etwas anderes, Jörg fragte bei der Information nochmals nach unserem „Gleis“. Da zeigte die Dame auf die Schlange für den NYC-Bus, die inzwischen noch länger geworden war und sagte, dass das unser Bus sei. Dieser machte nämlich Zwischenhalt in Buffolo und würde uns dort abladen. Bei Greyhound ist es zwar so, dass sobald ein Bus voll ist, das Unternehmen einfach einen nächsten schickte, aber anhand des Andrangs war uns schnell klar, dass es hier mehr als zwei oder drei Bussen bedarf. Wir stellten uns dennoch ganz brav hinten an und hofften das Beste. Und wirklich: Greyhound hielt sich nicht mal mehr an die Abfahrtszeiten. Eine gute halbe Stunde bevor wir eigentlich gefahren wären, kam der erste Bus um die Ecke, wurde mit Menschen und Gepäck beladen und fuhr los. Ein zweiter kam gleich hinterher. Die Schlange wuchs und wuchs und war zu dem Zeitpunkt, als wir endlich in einen Bus (den mittlerweile Dritten) betraten, dreimal so lang wir zu Beginn.
Die Fahrt nach Buffolo war also ziemlich beengt, aber immerhin gab es freies W-Lan und Strom im Bus, sodass wir kurz Emails und Wetter checken, konnten. Auf dieser Strecke kamen wir ebenfalls an den Niagarafällen vorbei, die im Dunkeln ebenfalls sehr schön wirkten. Dort war auch die Grenzüberfahrt geplant. Das hieß für uns Passagiere: raus aus dem Bus, alles an Gepäck geschnappt, was man mitgenommen hatte und dann auf die Kontrolle warten. Es war gegen Mitternacht und die meisten waren ziemlich müde. So war es weniger schön nun auch noch mit Fragen durchlöchert zu werden: „Wo kommen Sie her?“ „Was machen Sie in den USA?“ „Wann verlassen Sie das Land wieder?“ „Haben Sie Drogen bei sich?“ „Warum sind Sie hier?“ usw... Ich hatte eigentlich Glück und wurde schnell aus dem Verhör entlassen, musste aber mein Gepäck öffnen, da der Ahornsirup für die Beamten im Ultraschall mächtig nach einer gefährlichen Substanz aussah. Jörg wurde dagegen länger befragt und musste zweimal Fingerabdrücke abgeben anstatt nur einmal, was uns ziemlich verwunderte. Wir kamen aber mit all unseren Sachen heil in Buffolo an, wo wir in den Bus Richtung Cleveland stiegen. Clevelands Busstation sprach Bände über die Gegend selbst. Es war nun morgens um drei und durch das Gebäude lief ein ordentliches Polizeiaufgebot. Auch hier wurden nochmals unsere Taschen durchsucht, während wir in der Schlange auf unseren nächsten Bus warteten. Wir selbst wurden mit einem Detektor abgescannt, um sicher zu stellen, dass wir keine Waffen mit in den Bus nahmen. Die Angestellten hier waren alle farbig wie auch die meisten der Fahrgäste. Und leider ist es in Nordamerika immer noch so, dass Hautfarben meist einen „Klassenunterschied“ anzeigen. Vor allem in diesen Gegenden. Unsere letzte Fahrt hielt eine wirklich abenteuerliche Erfahrung für uns bereit. Nachdem wir ungefähr fünf Minuten waren, wunderten Jörg und ich uns, warum es so nach heißem Teer bzw. verbrannt roch. „Diese Amerikaner sind wirklich verrückt. Machen morgens um drei Uhr die Straße neu.“ sagte Jörg, als wir zufällig an einer Baustelle vorbei fuhren. Der Geruch verschwand aber nicht, sondern wurde stärker, penetranter und wir wurden immer stutziger. Nach weiteren fünf Minuten – Schreck – stellten wir im hinteren Teil des Busses, wo wir saßen, Rauch fest. Irgendetwas schien zu brennen. Wir saßen direkt über dem Motor und ich hatte schon die Bilder aus sämtlichen Actionfilmen im Kopf, wo Autos in die Luft flogen. Jörg sprintete zum Busfahrer, der auf dem Highway nun auf den Standstreifen fuhr. Er ging einmal um den Bus herum und behauptete dann, dass es wohl die Heizung wäre, die er nun vorerst ausschalten würde. Sollte es weiterhin qualmen, sollten wir uns nochmal melden. Das taten wir nach weiteren 10 Minuten Fahrt auch wieder, obwohl es nicht mehr qualmte aber weiterhin garstig stank. So rief der Busfahrer bei seiner Zentrale an, die ihm uns den Passagieren nun die Entscheidung überließ. Entweder wir konnten zurück nach Cleveland fahren, den Bus tauschen oder einfach weiterfahren. Wir wurden darauf aufmerksam gemacht, dass wir allerdings in Cleveland erst einen neuen Bus finden müssten, das komplette Gepäck umgelagert und die Leute neu eingecheckt werden müssten. Jörg und ich waren dennoch dafür zurück zu fahren – wir waren eben die Auf-Nummer-Sichergehen-Deutsche. Wir wurden aber schnell vom Rest des Busses überstimmt, der einfach so schnell wie möglich ankommen wollte. Meine Nerven waren überstrapaziert, was auch am Schlafmangel lag weswegen Jörg mir mindestens 20 mal versichern musste, dass wir heil ankommen würden. Nach etwa einer Stunde verging der Gestank (ich hatte schon geschlafen, während Jörg wachsam immer wieder Riechproben nahm), wir schliefen ein wenig und kamen gegen 10 Uhr morgens heil und dennoch sehr erledigt in Chicago an. Ein netter Taxifahrer brachte uns daraufhin zu unserer Unterkunft...
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