25. November 2010

An Tagen wie diesem....

Ich komme gerade aus der Schule und habe einen Tag hinter mir, der sich länger anfühlt als er eigentlich war. Warum?!

Ich hatte schon längere Zeit den Gedanken einen Text zu meinen emotionalen Erfahrungen zu schreiben, denn wie schon erwähnt – dies ist kein normales Auslandssemester. Täglich kommen Schüler zu Paul und mir, wollen einfach nur jemanden, der zuhört, der sich ihnen widmet. Täglich werden wir mit jungen Schicksalen konfrontiert, mit Problemen die Kinder in diesem Alter einfach nicht haben dürften. Fast wöchentlich finden Veranstaltungen und Konferenzen für Schüler statt, die sich um ihr Leben, um ihre Zukunft, im Generellen um die psychische Fürsorge kümmern. So trafen sich zum Beispiel vor einigen Wochen alle Jugendgruppen der Schulseelsorger für einen Tag um zum Thema „Liebe an-ziehen. Propheten im 21. Jahrhundert“ Vorträge zu hören, zu diskutieren und künstlerisch tätig zu werden. Ich war dabei und durfte alles ein wenig beobachten und den Vorträgen lauschen. Der Unikurs, den ich besuche dreht sich vor allem darum wer wir (die Kursteilnehmer) sind und was unsere Art der Seelsorge ist, welchen Stil wir im Umgang mit Menschen haben und wie wir uns entwickeln können auch in Hinsicht unseres Glaubens- und Gottesverständnisses. Dazu müssen wir Situationen aus unserem Tätigkeitsbereich sehr genau analysieren und Komponenten wie Psychologie und Theologie mit einbringen. Alles in allem ist diese Zeit hier zu einem absoluten Selbstfindungs- und Erkenntnisprozess geworden. Und dies verlangt einiges ab.
Dazu einige Zahlen, die zum Teil recherchiert sind, zum Teil aus persönlichen Erfahrungen stammen. Jedes zweite Paar in Kanada wird geschieden. Die Hälfte davon heiratet wieder, und ein gutes Drittel dieser Gruppe lässt auch die zweite Ehe scheiden. 2009 wurde ermittelt, dass bei 40% der kanadischen Frauen und 41% der kanadischen Männer im Laufe ihres Lebens Krebs diagnostiziert wird. Im Durchschnitt betrifft das jede Familie mindestens einmal. Tendenz zunehmend. Jeder zweite Schüler in Kanada wurde bereits gemobbt. Jede dritte Frau wird bis zu ihrem 30. Lebensjahr sexuell missbraucht, belästigt; verletzt sich selbst, hat Essstörungen, Suizidgedanken oder leidet unter psychischen Problemen. Jeder dritte Kanadier hat mindestens einmal in seinem Leben unter der Armutsgrenze gelebt... Jeder 10. schafft es nicht mehr zurück.
Vor allem heute habe ich den Eindruck, dass mich diese Fakten überall hin verfolgen. Kein Tag an der Schule vergeht ohne die Sichtbarkeit von mindestens einem davon. Erst heute wieder hatte ich mit einem Mädchen zu tun, dessen Vater sie zum Psychologen schickt, weil sie mit der Schizophrenie der Mutter nicht zurecht kommt. Ebenso ein Junge der 7. Klasse, der aufgrund der Krebstherapie eine neue Hose bestellen musste. Die alte war 3 Nummern zu groß. In der Religionsstunde heute kam ein Vertreter einer Organisation der Stadt in die Klasse, die sich um die Obdachlosen und Armen kümmert. Er kam mit erschreckenden Zahlen. Und letztendlich durfte ich online eine Liste erstellen von Weihnachtskörben für Familien der Schule, die sich kein Weihnachtsessen geschweige denn Geschenke leisten können. Es waren Familien mit 4 Kindern dabei; Großeltern, die sich um ihre Enkel kümmern weil die Eltern geschieden oder tot sind oder sich einfach nicht um die Kinder kümmern wollen. Bei den meisten Profilen war das Elternteil alleinstehend und die Kinderanzahl viel zu groß. Es waren Schüler der Schule darunter, die schon mit 14 in eine eigene Wohnung gezogen sind, neben der Schule jobben und versuchen ihren Abschluss zu meistern. Insgesamt waren es 60 Profile, die Anzahl der Anfragen übersteigt dies weit.

An Tagen wie diesem ist es schwer, seine Gefühle aus dem Spiel zu lassen, sich vom Mitfühlen nicht ins Mitleid zu verlieren. An Tagen wie diesen wird mir klar, wie gut es mir geht und wie stark diese Menschen sind. Es ist nicht so, dass sie bedauert werden wollen aber es ist erstaunlich, wie vor allem diese Kinder an der Schule (, die entweder geschiedene Eltern oder einen Krebsfall mit Todesfolge in der Familie haben) versuchen ihr Leben zu meistern.
An dem Tag als sich die Jugendgruppen trafen und ich den Vortrag über den Einfluss einer Scheidung der Eltern, über die Auswirkung unerfüllter Liebe auf Kinder hörte, rief ich spontan meine Eltern an, um ihnen zu sagen wie stolz und dankbar ich bin. Klar, das mag vielleicht für den einen oder anderen Außenstehenden zu sentimental klingen. Aber täglich mit diesen Dingen in Verbindung zu sein, hat mir bewusst gemacht, dass es nicht mehr selbstverständlich ist, wie ich aufgewachsen bin, dass meine Eltern immer noch verheiratet sind und dass ihre 3 Töchter alle den Weg in eine Universität geschafft haben und immer noch gerne nach Hause kommen. Ich habe an diesem Tag auch an Freunde und Bekannte gedacht, deren Eltern geschieden sind und auch hier ist zumindest mir klar geworden, dass es ebenso nicht selbstverständlich ist, dass sie Ausbildungen abschließen, an die Uni gehen, selbst heiraten und starke Persönlichkeiten entwickelt haben.

Ich möchte mich auf diesem Weg bei allen bedanken, die stets für mich da gewesen sind, bei meinen Eltern, Großeltern, bei Elisabeth und bei Jutta; bei Jörg, bei allen, die mich auf meinem Weg begleiten, seien es meine Freunde oder Menschen in meiner Heimatgemeinde und in Jena, Dingelstädt, Scheinfeld, Hamburg und anderswo und bei Menschen, die mich herausgefordert haben.
Ich merke jeden Abend, dass diese Erfahrung mich einiges an Kraft kostet und dass nach Kanada sicherlich einiges anders sein wird. Was genau, das wird sich noch zeigen...

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