15. November 2010

Kanada gedenkt - Rememberance Day

Sonntagabend. Zeit für einen Tee und einen Blogeintrag! Hallo an euch alle! Wie geht es euch? Bevor ich zu meinem sonntäglichen Studentengottesdienst gehe, wollte ich doch ein paar Zeilen über die vergangene Woche schreiben. Während in Deutschland am 11.11. um 11:11Uhr die Narrenzeit begann, standen in Kanada alle Autos und Maschinen still. Es war Rememberance Day. Das ist ein sehr besonderer Tag, was mir vor allem am Donnerstagmorgen deutlich wurde als ich in die Schule kam und Paul im Anzug mit Hemd und Krawatte erschien. Die Tage zuvor konnte ich nur Informationen aufschnappen wie: Kanada gedenkt seinen gefallenen Soldaten; es geht vor allem um den 1. und 2. Weltkrieg, es hat etwas mit Mohnblumen zu tun; es gibt eine große Zeremonie am Kriegsdenkmal und die Läden öffnen erst Mittag.
Nach ein paar Gesprächen und einigen Minuten bei Google kann ich folgenden Hintergrund dazu geben. Der Rememberance Day wird vor allem in den Commonwealth Ländern gefeiert, nachdem ihn König Georg V. im Jahre 1918 zum Gedenken der Gefallenen im 1. Weltkrieg einführte. Das Datum rührt daher, dass dieser offiziell am 11. Tag des 11. Monats zur 11. Stunde zu Ende war. Und so kamen auch dieses Jahr tausende Menschen zu dieser Zeit zusammen um zu gedenken. Jede Schule hat ihre eigene kleine Gedächtnisfeier zu der immer Soldaten eingeladen werden, die gedient haben oder noch dienen. So auch an meiner Schule. Um kurz nach halb neun begannen wir in der Turnhalle. Das Programm war gefüllt mit einer Rede der Direktorin, einem Gebet, für das Paul verantwortlich war und einem Vortrag eines jungen Offiziers, der letztes Jahr in Afghanistan von einer Miene schwer verletzt worden war. Schüler aller Klassenstufen nahmen an der Zeremonie teil und hörten sehr genau zu als der junge Soldat mit Bildern seine Erlebnisse schilderte. Es folgte eine kurze szenische Darstellung von der Theatergruppe, die wirklich gut und angemessen war. Sie stellten die Lebenswege zweier Soldaten dar. Einer, der nach dem Krieg wieder nach Hause kam und ein anderer, der dort starb. Alles geschah ohne Text und es war wirklich eindrucksvoll und rührend. Selbst ich musste mir einige Tränen verkneifen, dachte ich dabei doch auch an die Kriegsgeschichte Deutschlands. Das Schulorchester spielte die Nationalhymnen Englands und Kanadas und am Ende wurde den gefallenen Soldaten des Jahres 2010 in Afghanistan gedacht. Es waren 31. Nach der Zeremonie machte ich mich auf zum Kriegsdenkmal, dass mitten in der Stadt liegt. Lutz und Bea, ebenfalls Erfurter Studenten hatten auch beschlossen, sich die Feier anzuschauen. Je näher wir dorthin kamen, desto mehr rote Mohnblumen konnten wir sehen. Tage zuvor schon werden diese als Anstecknadeln in allen öffentlichen Einrichtungen ausgegeben. Das Format für diese ist patentiert und andere Anstecknadeln in Form von Mohn werden ungerne gesehen. Die Geschichte dazu ist eigentlich sehr schön, wenn sie nicht zugleich auch so traurig wäre... Im ersten Weltkrieg waren viele Soldaten in Flandern stationiert. Als nach einer großen Schlacht hunderte von Holzkreuzen dort aufgestellt wurden, wuchsen zwischen ihnen nach einiger Zeit Mohnblumen zu hauf. Das Rot der Blüten erinnerte vor allem an das vergossene Blut. Ein kanadischer Lieutnant namens John McCrae schrieb daraufhin ein Gedicht, das manche von euch vielleicht kennen. 

In Flanders Fields

In Flanders fields the poppies blow
Between the crosses, row on row,
That mark our place; and in the sky
The larks, still bravely singing, fly
Scarce heard amid the guns below.

We are the dead. Short days ago
We lived, felt dawn, saw sunset glow,
Loved, and were loved, and now we lie
In Flanders fields.

Take up our quarrel with the foe:
To you from failing hands we throw
The torch; be yours to hold it high.
If ye break faith with us who die
We shall not sleep, though poppies grow

In Flanders fields

Auf Flanderns Feldern

Auf Flanderns Feldern blüht der Mohn
Zwischen den Kreuzen, Reihe um Reihe,
Die unseren Platz markieren; und am Himmel
Fliegen die Lerchen noch immer tapfer singend
Unten zwischen den Kanonen kaum gehört.

Wir sind die Toten. Vor wenigen Tagen noch
Lebten wir, fühlten den Morgen und sahen den leuchtenden Sonnenuntergang,
Liebten und wurden geliebt, und nun liegen wir
Auf Flanderns Feldern.

Nehmt auf unseren Streit mit dem Feind:
aus sinkender Hand werfen wir Euch
Die Fackel zu, die Eure sei, sie hoch zu halten.
Brecht Ihr den Bund mit uns, die wir sterben
So werden wir nicht schlafen, obgleich Mohn wächst
Auf Flanderns Feldern.

Dieses Gedicht wurde eines der populärsten über die Thematik der Sinnlosigkeit des Krieges und die Mohnblume wurde daraufhin zum Symbol des Gedenkens der Gefallenen. Einige Jahre später während des 2. Weltkrieges waren kanadische Soldaten wieder in dieser Gegend stationiert. Es war Sommer und der Mohn blühte in Unmengen. So schickten viele von ihnen gepresste Blüten nach Hause und prägten somit weiterhin den symbolischen Charakter dieser Blume.
Heute werden die Anstecknadeln vor allem zugunsten von Stiftungen ausgeteilt und am Ende der Zeremonie legen am Kriegsdenkmal viele Besucher aus Zeichen der Solidarität ihre Anstecker dort nieder, wie ihr es auch auf den Fotos sehen könnt.
Die Zeremonie selbst war, so habe ich gehört, sehr andächtig und von vielen hohen Tieren besucht. Ich stellte an diesem Tag leider fest, dass ich viel zu klein für kanadische Verhältnisse bin und wir kamen auch etwas spät um noch die begehrten Plätze auf den Brückenpfeilern und Parkbänken zu ergattern. Wie voll es wirklich war, könnt ihr auf den Fotos sehen. Es waren einige hohe Tiere anwesend sowohl aus Kanada als auch Englands, deswegen gab es auch eine ordentliche Portion Scharfschützen auf den Dächern rund herum – die konnte ich wenigstens noch sehen. Alle Militäreinheiten waren vertreten, unter anderem die Navi und auch die berühmten Ranger! Ja, es gibt sie wirklich: die mit den roten Jacken und den komischen Hüten. Ebenso vertreten war die Luftwaffe, die zweimal in Formation über die Veranstaltung hinwegflog, was wirklich eindrucksvoll war. Außerdem war auch eine Abordnung der englischen Garde da sowie einige Schotten, die mit Dudelsäcken für einen Großteil der musikalischen Gestaltung sorgten. Schaut euch die Bilder an... es war fantastisch. Punkt 11 Uhr stand alles still und es folgten 21 Salutschüsse, die wirklich den Boden beben ließen. Nach der Feier konnte man überall Männer in jeglichen Uniformen sehen und in den Restaurants gab es spezielle Rabatte für Angestellte des Militärs. Lutz, Bea und ich werteten bei einem Lunch alles etwas aus. Wenngleich es ein riesiges Aufgebot an Militär war und eine Menge Vertreter des Staates anwesend waren, so kam es uns dennoch sehr andächtig vor. Wir hatten nicht das Gefühl, dass es sich hier um ein zur-Schau-stellen handelten, sondern das der Fokus wirklich auf das Gedenken gelegt wurde. Es gab weder Applaus noch große Reden. Nur zwei Gebete und ein feierliches Ablegen vieler Kränze am Denkmal. Auf uns machte es genau den Eindruck, den mir Paul am Morgen prophezeit hatte: dies war ein besonderer Tag für Kanada.

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