Am Samstagmorgen ging ich also um 6 Uhr aus der Tür in den doch kalten Herbstmorgen. Es war noch etwas neblig und ich ziemlich müde. Ich hatte mir selbst auch keine Zeit mehr dafür gelassen, einen Kaffee zu kochen bzw. zu trinken und hoffte einfach, dass wir auf der Fahrt bald irgendwo halten würden. Ottawa hat wie jede Stadt am frühen Morgen ihren ganz eigenen Flair.. Wir waren so gut wie die einzigen auf der Straße und der Himmel, der so langsam vom dunkel- ins hellblau verlief, ergab mit den Leuchtreklamen der Stadt ein sehr schönes Bild. Wir bogen auf den Highway und befanden uns bald außerhalb der Stadt, wo über den Wiesen noch der Nebel hang. Perfekt wurde dieses Bild, als durch den Nebel hindurch die Sonne direkt vor uns goldorange aufging. Und ich muss mich mal selbst loben: ich habe eines der schönsten Bilder meines bisherigen Aufenthalt geschossen, aus dem Auto heraus!
Die weitere Fahrt schlief ich viel und gönnte mir beim ersten Quebecer McDonalds einen Kaffee. Gegen 10 Uhr waren wir noch eine Stunde von Quebec City entfernt und hielten bei einem Tim Hortons (eine Art Fast-food-restaurant nur für Kaffee und Gebäck und seeeeehhhhhhr beliebt in Kanada. Dort wollte sich Flavie mit vier ihrer alten Freundinnen treffen, die in der Nähe ihrer Heimatstadt geblieben waren, während Flavie vor 25 Jahren von Quebec nach Ottawa gezogen war. Die Truppe war wirklich sehr witzig und auch wenn sie sich nur auf Französisch unterhielten, so verstand ich doch alles. Nur mit dem Sprechen hatte ich es noch nicht so ganz... Achso, vielleicht sollte ich dazu sagen, dass die Provinz Quebec, die an Ontario grenzt komplett französisch(sprachig) und darauf auch sehr stolz ist. Um 11 Uhr brachen wir wieder auf und kamen kurz vor Mittag in Quebec City an. Viele Menschen in Ottawa hatten mir versichert, dass ich als Europäer diese Stadt lieben würde, da sie als älteste Stadt Nordamerikas auch gleichzeitig die europäischste von allen sei. Mein erster Eindruck war, dass mich die Stadt an Italien erinnerte, da das Zentrum wie Assisi auf einem Berg lag mit dem Unterschied, dass auf der einen Seite des Berges der großes St-Lauren-River an der Stadt entlang zog. Der zweite Eindruck erinnerte mich eher an San Francisco, da die meisten Straßen eine wahnsinnige Steigung hatten. So zum Beispiel auch die Straße, in der Flavies Bruder Nicolas wohnte. Dieser stand mit seiner Partnerin schon am Straßenrand um uns zu begrüßen UND um mir eine Karte in die Hand zu drücken. Der erste Kontakt verlief ungefähr so: ich: „Hallo ich bin Maria. Schön dich kennen zu lernen.“ Er: „Hallo ich bin Nicolas. Hier ist die Karte. Das wichtigste habe ich dir markiert. Wir sind gerade hier (er zeigt auf die Karte) und du gehst einfach hier die Straße immer gerade aus, dann siehst du es schon. Hab einen schönen Tag.“ In dem Moment haben Flavie und ich so gelacht, denn sie hatte mich schon darauf vorbereitet, dass ihr Bruder gerne durch Quebec führt, wenn Gäste da sind und dass er ein begeisterter Weltenbummler sei. Dazu aber später mehr. Daraufhin wurden noch ein paar wenige Worte gewechselt und dann ging ich Richtung Stadtzentrum und die anderen fuhren Richtung Familienveranstaltung.
Also machte ich mich zu seinem Appartement und mit dem ersten Schritt hinein, hatte ich mich auch schon in die Wohnung verliebt. Diese Wohnung war der Hammer! Wie Quebec selbst war sie eine Mischung: mediterraner, orientalischer und amerikanischer Stil mit Holzdielen und viel Kunst und Fotos an den Wänden. Die Wohnung lag im Obergeschoss und dazu noch auf dem Hügel und so hatte man vom Balkon aus eine wunderbare Sicht. Ich bekam das schönste Zimmer und hätte es bei der Abreise am liebsten einfach mitgenommen. Der Holzfußboden, die braunroten Wände und das große Bett mit einer Federdecke; ich fühlte mich wahnsinnig wohl! Im Übrigen ist Nicolas Wohnung Couchsurfern zugänglich und ich kann diese Bleibe wärmstens empfehlen! Am Samstagabend saßen wir also zusammen, aßen ein leckeres Nudelgericht, tranken Wein und unterhielten uns auf Quebecer französisch. Mit der Zeit schaffte ich es auch mit meinem Schulfranzösisch Sätze zu formulieren. Es war ein wunderschöner Abend und ich würde lügen, wenn nicht französischer Flair in der Luft lag. Nicolas zeigte mir vieler seiner Fotos, die er überall in Nordamerika über die Jahre gemacht hatte und er gab mir viele Tips, wohin man im Januar fahren könnte.
So schön, wie das Wochenende war, so schrecklich war der Sonntagabend. Eine weitere Unterhaltung mit Peter über mein Praktikum war beim Abendessen etwas ausgeartet. Ich hatte gefragt, wer im School Board überhaupt wusste, dass ein Praktikant aus Deutschland da war und ob die Schulen davon wussten. In der Organisation wussten an die 4 Leute genauer Bescheid, an den Schulen aber absolut niemand. Es soll angeblich an meinem Motivationsschreiben gelegen haben, dass nicht genau formuliert sei, aber diesen Schwarzen Peter wollte ich mir nicht zuschieben lassen und so versuchte ich so ruhig wie möglich zu erklären, dass man keinen deutschen Praktikanten nach Kanada einfliegen lassen kann ohne dass überhaupt feststeht, dass er in die Schulen darf. Ich sollte dann erklären, wie die Organisation denn laufen solle, also schlug ich vor doch einfach bevor jemand nach Kanada kommt, zu checken ob die Schulen jemanden nehmen würden. So wirklich einsichtig war Peter aber nicht und ich deswegen um so wütender. Am Montag konnte sich mein Fall zum Glück lösen, da mich der Seelsorger der Immaculata Highschool gerne als Praktikant haben wollte. Also sollte ich am Dienstag gleich damit anfangen, ihm unter die Arme zu greifen. Und darauf freute ich mich riesig.