In Chicago durften wir in einem Haus der Priests of Sacred Heart unterkommen. Jedoch unterschied sich dieses von dem, in dem ich in Ottawa gewohnt hatte bei weitem. Es war zunächst einige Quadratmeter größer und es leben dort viel mehr Priester, Brüder und solche, die es werden wollen. Jörg und ich wurden richtig freundlich von Bruder Duane begrüßt, der uns das Haus mit großer Gemeinschaftsküche, moderner Kapelle, Fernsehraum, Tischtennisraum, Bibliotheken, Computerraum und vielen Schlafräumen. Einer davon war unserer. Und zu diesem hinzu bekamen wir eine eigene Küche, ein eigenes Esszimmer, Wohnzimmer, Bad, 2 weitere Schlafzimmer und einen Eingangsbereich. Uns beide haute es ziemlich von den Socken, hatten wir doch eigentlich nur nach einem Bett verlangt. Dazu gab es einige Sahnehäubchen: ein Schild an unserer Tür mit unseren Namen, eine Flasche Wein und Snacks zur Begrüßung, die Einladung uns an jedem Kühlschrank im Haus bedienen zu dürfen und die Freundlichkeit aller Hausbewohner. Jörg und ich waren uns einig, dass es als Dankeschön hier mehr als dem Ahornsirup geben sollte, immerhin bezahlten wir als Freunde des Hauses nichts.

Wir unterhielten uns noch lange mit Duane, der uns einige Karten und viele Infos, was an Chicago sehenswert sei und wo man gut essen gehen könnte. Oh ja, fast vergessen: es war ja Silvester und wir beschlossen in dem neuen asiatischem Restaurant um die Ecke schön essen zu gehen und auf Empfehlung Duanes später am Hafen das Feuerwerk anzusehen. Als wir von unserem Dinner wiederkamen, machten sich die Herren des Hauses gerade auf den selben Weg und Duane fragte uns spontan, ob wir nicht doch noch Lust auf ein Dessert hätten. So gingen wir also mit Verstärkung zum Asiaten zurück und genossen beide einen Drink und ein Stück Kuchen. Bezahlen durften wir es selbst nicht – das wollte Duane machen. Wir waren begeistert!
Gegen Mitternacht machten Jörg und ich uns mit dem Gemeinschaftsauto (welches uns ebenso selbstverständlich angeboten wurde, unfassbar!) Richtung Hafen auf. Blöder weise hatte halb Chicago die gleiche Idee und einen Parkplatz zu finden war, so gut wie unmöglich. Die einzigen Plätze, die wir fanden, waren weit vom Hafen entfernt und meist in Hinterhöfen, in denen ich mein Auto nicht mal tagsüber hätte parken wollen. Zudem kosteten diese meist noch horrende Preise. Wir beschlossen uns hinter die Einheimischen zu klemmen und fuhren mit dem Strom am Hafen entlang. Gegen Mitternacht wurde ich unruhig, weil ich eigentlich Silvester gerne ohne hupen und mit Countdown und einem Glas Sekt in der Hand erleben wollte. Es kam allerdings anders. Kurz vor zwölf, wir waren immer noch auf der Straße neben dem Hafen, stoppten mit einem Mal alle Autos auf den zwei Spuren, die am nächsten zum Hafen lagen und schalteten die Warnblinkanlage an. Jörg sagte nur „Ich glaube es ist jetzt zwölf.“, dann fuhren wir ebenfalls rechts ran und stiegen wie viele andere aus dem Wagen. Es war seltsam so ohne Countdown, ohne Familie, ohne Sekt und immer mit dem Blick aufs Auto. Wir standen eine Weile, schauten dem Feuerwerk zu, welches relativ klein war, und setzten uns dann wieder ins Auto um in unserer Suite wenigstens den Sekt nachzuholen.

Die folgenden Tage waren vor allem museumsreich. Jörg hatte mir zu Weihnachten einen Citypass für Chicago geschenkt. Tolle Sache: hiermit konnten wir die 4 größten Museen der Stadt besuchen, ohne dafür anzustehen. Ebenso war darin der Ausblick vom höchsten Gebäude Amerikas enthalten. So gingen wir am ersten Tag des neuen Jahres, welcher sich für mich wie jeder andere auch anfühlte, ins Aquarium der Stadt. Dort sahen wir gleich die ersten Vorteile des Citypass, denn die Schlange für die Eintrittskarten war wirklich lang. Wir sahen, ganz kleine Fische, riesengroße Fische, sehr sehr hübsche Fische und wirklich eklige Fische. Es gab alles: Wale, Pinguine, Delphine, Hammerhaie, Katzenfische, Korallen, Riesenschildkröten und einen Seestern-Streichelzoo. Das Aquarium war riesig und wir nahmen uns genug Zeit, sodass wir im Anschluss aber leider viel zu spät für ein weiteres Museum waren. Wir beschlossen, noch ein wenig spazieren zu gehen, was allerdings bei der Kälte (- 5 Grad) eher in einen Stechschrittlauf ausartete. Wir aßen noch einen Bagel Downtown und wollten dann mit der Straßenbahn wieder nach Hause fahren. Was wir an diesen Abend nicht wussten, war, dass es in Chicago zwei Straßenbahnsysteme gab. Wir stiegen bei der erstgefunden Station in eine Bahn, die laut Auskunft nicht weit weg von unserer Straße halten würde. Uns fiel auf, dass nach ein paar Stationen nur noch farbige Menschen in der Bahn saßen. Als unser Halt kam, stiegen Jörg und ich mit ziemlich mulmigen Gefühlen aus. Es sollte aber noch schlimmer kommen. Die Gegend unserer Haltestelle sah zum Einen nicht wie unsere Wohngegend aus, zum Anderen mangelte es an Straßenlaternen und an weißen Menschen. Es war unheimlich und wir wussten jetzt schon, dass wir hier NICHT richtig waren. Wir gingen dennoch tapfer den Weg zu unserer, den wir als kürzesten erachteten. Leider führte uns dieser in eine absolut dunkle Straße, wo rechts und links nur alle paar Meter mal ein Haus stand, welches aber auch nicht sehr ansehnlich wirkte. Obwohl es dunkel war, hatte ich das Gefühl, dass die Leute hinter den Scheiben nach uns sahen. Ich bekam so langsam Angst. Jörg versuchte auf seinem Navi uns ausfindig zu machen. Zwei Autos fuhren an uns vorbei, in beiden saßen farbige Menschen und ich meine nicht die von der Sorte „Obama“. Hinter uns lief jemand, wir drei waren weit und breit die einzigen auf der Straße. Plötzlich sagte Jörg „Ich glaube, wir müssen zurück. Die Straße geht da vorne nicht weiter.“ Ehrlich gesagt, ich war innerlich panisch. Ich wollte nicht umdrehen und diese seltsame Straße zurück laufen, aber wir mussten. Wir überquerten zumindest die Straßen um dem Typen hinter uns nicht direkt über den Weg zu laufen. Da hielt mit einem Mal ein Auto, ein farbiger junger Mann stieg aus und lief genau auf unsere neue Straßenseite. Er lief auf ein Haus zu und machte sich dort an irgendetwas zu schaffen. Es sah nicht so aus, als werfe er Post ein und als er bemerkte, dass wir auf ihn zukamen, hielt er inne und starrte uns an. Jörg und ich wechselten reflexartig erneut die Straßenseite, auch wenn wir wussten, dass uns das als ängstlich outen würde. Da ich nicht länger ein Risiko eingehen wollte, rief ich sofort Duane an und sagte ihm, dass wir nicht so wirklich wüssten wo wir seien. Er fragte nach der Straße, auf der wir uns befanden und der nächsten kreuzenden, danach sagte ich ihm, dass wir dem Navi folgen würden, aber ich ihn nochmal anrufen würde, wenn wir uns vollkommen verloren vorkämen. In diesem Moment bogen wir in eine etwas mehr beleuchtete und belebtere Straße ein. Ein paar Blöcke weiter hupfte und winkte jemand auf der anderen Straßenseite. Es war Duane! Zunächst sagte er garnichts und wir erzählten ihm, dass uns die Gegend relativ gruselig vorgekommen war. Dann sagte er uns, dass er unsere Position gegooglt hatte, daraufhin sofort seinen Mitbruder angerufen hatte, sodass Duane fahren und dieser nach uns Ausschau halten konnte. Uns wurde mit einem Schlag klar, dass wir mit unserem Gefühl Recht hatten. „Es ist nicht die gefährlichste Gegend Chicagos, aber sicherlich auch nicht die beste für weiße Leute, wenn es dunkel ist.“, so Duane. An diesem Abend gingen wir nicht mehr raus, sondern verbrachten ein paar Stunden gemütlich mit den Brüdern vorm Fernseher. Von da an, war eine unserer ersten Fragen bei neuen Unterkünften immer, ob es Gegenden gab, die man meiden sollte.

Die nächsten Tage verbrachten wir immer sicher umgeben von anderen Touristen beim erkunden des Uni-geländes, im „Wissenschafts- und Industriemuseum“, im Planetarium, beim Sightseeing in der Stadt und auf dem höchsten Gebäude der U.S.A., dem Willis Tower. Wir frühstückten im Haus und abends gingen wir meist essen. Bis auf den zweiten Abend war der Aufenthalt in Chicago ein toller Auftakt zum Rest unserer Reise.