28. August 2010

Ein Wochenende in Watford - Samstag (Ankunft)

Am Samstagmorgen fuhren nun also Flavie, Peter und ich Richtung Watford (Ontario). Peters Familie stammt eigentlich ursprünglich aus Holland. Seine Eltern kamen in den 50er Jahren mit allen 12 Kindern mit dem Schiff nach Kanada um dort als Farmer ein neues Leben anzufangen. Fast alle Geschwister blieben in der neuen Heimatstadt Watford, weswegen dort jährlich eine Reunion stattfindet. Und die war eben an diesem Wochenende geplant.
Da ich ein wenig die Landschaft Kanadas kennenlernen sollte, entschied sich Peter nicht die großen Highways zu nehmen, sondern Landstraße zu fahren. Natürlich war das wahnsinnig interessant, nicht nur wegen den Wäldern durch die wir überwiegend fuhren, sondern auch, weil ich so einen schnellen Einblick in die kleinen Städte bekommen konnte. Und auch hier muss ich wieder sagen: typisch amerikanisch! Flache Häuser mit kleinen Vorgärten und Rasen und nicht zu vergessen den typischen Briefkästen. Die Städte waren auch meist nicht sehr groß, hatten eine Hauptstraße, die eine andere Hauptstraße kreuzte und an der man meist die Tankstelle und einen kleinen Markt samt Imbiss fand. Dann stand mit einem Mal ein riesiges Schild auf der Straße: Highway gesperrt. Dazu sei gesagt: es ist nicht wie in Deutschland, dass so etwas im Radio übertragen wird. Das Land ist hierfür wohl zu groß. Ebenso wie für eine kleine Umleitung. Gesperrte Straßen bedeuten hier, dass man entweder zurückfährt bis ein anderer Highway kommt, oder eine riesige Umleitung fährt. Schaut euch kanadische Karten an, dann wisst ihr was ich meine. Wir entschieden uns für die lange Umleitung. Je weiter es Richtung Westen ging, desto mehr wurden die Wälder allmählich von Feldern abgelöst. Ich habe Mais erkennen können, viele Bohnen- und bereits abgeerntete Felder. Absolut interessant war für mich dabei die Gegend um St. Jacobs. Überall waren wirklich quadratische (!) Felder zu sehen und alle 5 Felder eine kleine Farm. Das heißt: ein richtiges Haus, mindestens eine Scheune, einige kleinere Holzhäuser, kleine Gemüsegärten und ein Windrad. Und anscheinend hatten alle den selben Architekten, denn wirklich jede Farm sah gleich aus. Wäre ich mit meinem spitzen Orientierungssinn gefahren, wären wir sicherlich immernoch unterwegs. Aber nun zurück zu St. Jacobs. Die Gegend um die kleine Stadt ist berühmt für seinen hohen Anteil an Menoniten. Diese sind eine Glaubensgemeinschaft, die sich von jeglicher modernen Technik abwendet, nicht mal Strom benutzt und sich dabei auf die Bibel beruft, in der ja schließlich auch niemand mit diesem modernen Schnickschnack gelebt hat. Tja und deshalb fahren sie auch überall nur mit Pferdewagen herum, nähen ihre Kleider selbst und sind leicht zu erkennen, da ihr Stil eher auf das frühe 20. Jahrhundert datiert werden würde. Wir fuhren also durch St. Jacobs und sie waren überall! Die Straßen in und um die Stadt herum sind extra breiter und haben eigene Verkehrzeichen, sodass die Buggies dort lang fahren können. Es war Samstagabend, Zeit für deren Kirche und so kam uns ein Wagen nach dem anderen entgegen. Die ganze Familie war teilweise untergebracht und damit spreche ich von mindestens 4 Kindern. Peter erzählte, dass die Menoniten nette Menschen seien und dazu mit die besten Agrarprodukte liefern, weil sie Landwirtschaft noch ganz traditionell betreiben. Dennoch, so Peter, haben sie ein großes Problem und das sei die Inzucht. Vor einigen Jahrzehnten gab es noch nicht so viele von ihnen und dann sollte aber dennoch unter allen Umständen die Familie erhalten bleiben. Heute versuchen die Menoniten in St. Jacobs mit anderen Gebieten im Austausch zu bleiben.

Nach 10 Stunden Fahrt, was durchaus normal ist für kanadische Verhältnisse kamen wir dann endlich bei Peters Bruder Ad und seiner Frau Rita in Watford an, wo uns zum Abschluss des Tages eine Lasagne und ein Bier erwartete. Oh, an dieser Stelle sei vielleicht noch eine Kleinigkeit zum Fahren in Kanada gesagt: obwohl die Wege hier viel weiter sind, als Touren in Deutschland fährt hier kein Auto über 120 km/h! Ich war geschockt! Auf dem Highway sind 100 km/h das Tempolimit und Peter sagte, sein Auto hätte die 120 km/h seit dem Kauf nicht überschritten... Als ich dann von einer meiner Fahrstunden erzählte, in der ich an die 200 km/h gefahren war, schauten mich alle entsetzt an. Seitdem werde ich mit dem „german way of drive“ aufgezogen und ich bin sicher, so schnell kein Lenkrad in meine Hände zu bekommen.

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