31. August 2010

Ein Wochenende in Watford - Dienstag

Der Tag begann, wie es sich für eine angehende Farmerin gehört, im Coffeeshop bei Karen und sie wusste, wie gesagt schon als ich reinkam, was ich haben wollen würde. Danach wartete Rita wieder mit Eiern und Schinken zuhause (für mich lag Routine in der Luft). Es sollte ein entspannter Tag werden.. wobei wir Frauen uns fragten, warum wir am Tag zuvor dann soviel hatten machen „müssen“. Vormittags wurde wieder gearbeitet. Ad, Peter, Flavie und ich fuhren in den Wald um einen Baum, der im März gefällt wurde zu spalten und die Holzscheite dann zur Hütte auf die Lichtung zu bringen. Und auch das machte überraschender Weise wirklich Spaß und weil wir selbst nach dem Abladen eines kompletten Baumes im Holzschuppen der „Shack“ noch nicht genug schwitzten, wurde der Weizen vom Vortag noch bearbeitet. Und wie sollte es anders sein: natürlich ganz original mit dem Dreschflegel... echt coole Sache. Naja, gut, ich habe dann wohl etwas zu fest zugehauen, denn mein Flegel machte nach einigen Schlägen die Fliege. Das Lederband rieß und so blieben noch zwei Stöcke. Naja, ist ja auch ein altes Gerät gewesen.

Da es weiterhin wunderschönes Wetter war, Sonne und 34 Grad, beschlossen wir am Nachmittag Richtung Wasser zu fahren, genauer gesagt an den Huron See (Lake Huron). Also fuhren wir in die Stadt Grand Bend. Um aber nicht nur wegen des Wassers dort gewesen zu sein, besuchten wir ein Museum in dem ältere Gegenstände ausgestellt wurden. Ich schreibe deswegen 'Gegenstände', weil von der Gabel bis zur Kutsche und zum Auto wirklich alles dabei war. Da zu den Stücken selbst eigentlich nichts geschrieben stand, vermute ich, dass hier einfach Stücke von den Bewohnern der Umgebung über die Jahre gesammelt wurden. Und Fakten darüber scheinen, meinen momentan noch sehr kleinlichen Erfahrungen nach, hier nicht so in Mode zu sein. Aber es war dennoch schön und zeitweise auch interessant, sich das ganze mal anzuschauen. Am Ende der Ausstellung, die übrigens in großen eng beieinander stehenden Scheunen zu finden war, fand man sogar eine nachgebaute Schule sowie eine nachgebaute Kirche von vor 200 Jahren. Da uns allen aber ziemlich warm war, hielten wir uns nicht allzu lange dort auf und fuhren ENDLICH zum Strand. Leider muss ich sagen, dass das Reisen mit älteren Menschen nicht immer von Vorteil ist. Warum? Nun, es war halb drei am Nachmittag, 34 Grad im Schatten und ich fand mich an einem wunderschönen Sandstrand mit türkisblauem Wasser wieder. Was macht eine Gruppe älterer Kanadier? Sie schickt dich vor die Autotür mit der liebgemeinten Aufforderung „Na dann mal los, schieß ein paar Fotos und dann treffen wir uns in 5 Minuten zwei Meter weiter hier auf dem Parkplatz! Wir lassen solange die Klimaanlage laufen!“ Ich dachte in diesem Moment wirklich, ich würde nicht richtig hören. Natürlich war ich nicht davon ausgegangen, dass wir baden gehen werden, aber ich wollte wenigstens ein bisschen am Strand entlang spazieren. Nachdem ich diesen Wunsch zweimal geäußert hatte, wurde dann auch beschlossen für eine kleine Runde zu bleiben. 
Also zog ich meine Sandalen aus und sprintete zum Wasser. An dieser Stelle sei er doch einmal erwähnt; ich musste an Jörg denken, der immer, egal an welchem großen See/ Meer er auch ist, die Schuhe auszieht und wenigstens die Füße ins Wasser hält. Genau das wollte ich auch machen! Immerhin würde ich dann als erstes von uns beiden in diesem See gestanden haben, obwohl es mir vor allem in diesem Moment viel lieber gewesen wäre, zusammen die Füße in kanadisches Wasser zu halten.


Leider war die Erfrischung nicht von Dauer; wie gesagt, ich war ja nicht allein und leider muss man sagen, dass wir im Anschluss in der Bar in der Nähe des Strandes länger saßen als ich mit den Füßen im Wasser gewesen war... im Nachhinein finde ich das irgendwie seltsam, aber naja.

Auf dem Rückweg fuhren wir bei einem weiteren Bruder Peters vorbei, welcher vor allem durch Schweine seine Farm betreibt und leidenschaftlicher Traktorsammler ist. Wir blieben auch dort noch 2 Stunden und mir wurden natürlich die Schweine gezeigt. Transportiert werden sie im übrigen zeitweise in einem umgebauten alten Schulbus, zu sehen auf den Fotos. Wir beendeten den Abend und somit auch das lange Wochenende mit einem ausgiebigen Abendbrot mit ganz vielen leckeren Resten der vergangenen Tage sowie Jeopardy und dem kanadischen Glücksrad. Ich ging früh zu Bett. Am nächsten Tag sollte es ja über einen kleinen Umweg zurück nach Ottawa gehen.

30. August 2010

Ein Wochenende in Watford - Montag

Sonntagabend hatte Ad noch davon gesprochen relativ früh zum Coffeeshop in die Stadt fahren zu wollen, in Anbetracht der Tatsache, dass SEHR VIEL für Montag geplant war. Ich dachte mir: hey ein richtiger nordamerkanischer Coffeeshop in dem jeden Morgen die Tracker frühstückten und die Bedienung sicher jeden Kunden in und auswendig kannte – da muss ich gewesen sein. Also stand ich um 6 Uhr auf und trottete voller Erwartung um halb sieben in Watfords kleinen Coffeeshop. Und es war genauso wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich wollte ja eigentlich nicht mehr mit Klischees arbeiten, aber das erfüllte mal sowas von einem amerikanischen Coffeeshop. Alles so wenig im Stil der 50er Jahre gemacht, ein langer Tresen, vollkommen verschiedene Tassen (die eine oder andere mit lustigem Spruch drauf), vereinzelt sitzende alte und ältere Männer mit Bart und Frauen in roten Poloshirts mit der Aufschrift Mary´s Drugstore. Und die Bedienung, eine Dame namens Karen bereitete sofort, wenn ein Gast das Lokal betrat, das zu was derjenige bestellen WÜRDE. Erstaunlich und doch so überraschend typisch! Ad und ich tranken also unseren Kaffee, lasen etwas Zeitung und unterhielten uns mit Karen. Dann ging es wieder nach Hause, wo Rita schon mit dem Frühstück auf uns wartete. Ein ordentlicher Farmer braucht ein ordentliches Frühstück und so gab es ganz typisch Eggs und Bacon dazu frische Tomaten aus dem Garten und Erdbeermarmelade mit Toast. Tja und dann.... ihr werdet nie erraten, wie mein weiterer Tag verlief. Wir fuhren wieder über Ads Felder und in den kleinen Wald. Und da... ja da fällten wir dann einen Baum. Das klingt vielleicht noch nicht so spektakulär, aber dazu sei auch gesagt, dass wir es auf ganz altmodische Art taten – mit einer ganz normalen Säge. Das ist selbst zu zweit echt wahnsinnig anstrengend! Und weil Peter uns Frauen helfen wollte, legte er die Kameras weg (so typisch Mann: die Frauen dürfen arbeiten und die Männer schauen zu ;) ) und sägte mit. Als der Baum dann fiel, hatten wir die Kameras so gut wie vergessen und erschraken uns umso mehr als wir diese einen knappen Meter neben dem gefällten Baum lagen sahen – ups! Nachdem wir also unsere Arbeit im Wald verrichtet hatten, schickte uns Ad aufs Feld. Ja, aufs Feld! Und da wurde dann eben mal auf ganz altertümliche Art der Weizen geerntet. Die Sense selbst hing eigentlich schon als Ausstellungsstück in Ads Wintergarten, wurde aber für uns extra geschärft. Ehrlich gesagt, hat mir das sogar richtig Spaß gemacht und so senste ich den Weizen 40m weit. Dann ging es mit dem Quad zurück zum Haus. Diesmal durfte ich sogar fahren, allerdings mit der Bemerkung, dass ich bitte daran denken solle, dass wir nicht auf deutschen Autobahnen sind. Zum Mittag essen die Kanadier meistens nichts Großes. Bei Rita gab es eine kleine Schale Suppe und eine Scheibe Brot, dazu Obst. Woanders bekommt man meistens ein Sandwich oder ähnliches.
Der Nachmittag wurde zwar von der älteren Generation mit einem Schläfchen eingeleitet, sollte aber vollgepackt sein. Zuerst ging es zu einer riesigen Farm, auf der vor allem mit Ziegenmilch und -käse gewirtschaftet wird. So fanden wir da um die 500 Ziegen, die täglich zweimal gemelkt werden müssen.

Dazu gab es einen kleinen Hasenstall mit Babyhasen (3 Wochen, schon mit Fell), von denen ich einen ein paar Minuten in den Händen halten durfte. Danach war er allerdings ziemlich fertig und schlief gleich wieder im Käfig ein. Ist schon aufregend, wenn eine Deutsche einen zum ersten Mal in den Händen hält.. ;)
Außerdem gab es da Hühner, Kühe und einen riesigen Hund, der am liebsten Walzer mit einem getanzt hätte, sooft wie er an den anderen hochgesprungen ist. Dann fuhren wir zum Originalort des Buches Onkel Toms Hütte, was heutzutage ein Museum ist. Naja, ein Museum im amerikanischen Stil – viel anfassen, wenig lesen, da fühlte ich mich doch etwas unterfordert. Im Anschluss ging es dann zu den ältesten Ölfeldern Nordamerikas, wo das Öl immer noch mit den gleichen Pumpen transportiert wird, die bei der Entdeckung des Öls angebaut wurden.
Auf der Heimfahrt kamen wir nochmals an einigen Menonitenfarmen vorbei und weil viele von ihnen einen Straßenverkauf hatten und ich gerne mal frischen Mais vom Kolben essen wollte, hielten wir kurzfristig an. Das Abendessen war somit sehr gemüsereich und superlecker! Der Mais schmeckte wirklich gut, es ist eben doch etwas ganz anderes, wenn man ihn frisch bekommt und selbst (!) zubereitet. Ich habe sogar alle Würmer entfernt – gutes Bioprodukt also! ;)
Und als ob das nicht genug für einen Tag gewesen wäre, wurde mir abends noch ein Wunsch erfüllt. Ein Bruder Peters, der ebenfalls Peter heißt (man fragt sich wieso) hat eine Ranch mit 7 Pferden. Da fuhren wir hin und ich ritt zusammen mit den Sandersbrüdern eine Stunde lang dem Sonnenuntergang entgegen. Es war wirklich unglaublich, wie sehr sich alle um mich bemühten. Und immer wieder wurde betont, dass ich jede Erfahrung mitnehmen sollte, die sich mir eröffnen würden und in Watford sollten das eine Menge sein.

29. August 2010

Ein Wochenende in Watford - Sonntag (der Reunionday)


Der Sonntag begann für mich mit Vogelgezwitscher vorm Fenster. Ich realisierte: du bist mitten auf dem LAND! Leider war das auch der Grund, warum das Duschen weniger schön war. Das Wasser auf dem Land hat zuviele Sulfide in sich. Das ist nicht gesundheitsgefährdend, aber es stinkt wie die Pest. Wer jemals verfaulte Eier gerochen hat... so roch das Wasser aus der Leitung dort. Alles andere aber war wundervoll! Wir fuhren nach einer Tasse Kaffee durch die Felder von Ad direkt zu seiner Hütte im Wald, liebevoll „The Shack“ genannt. Ich wünschte alle meine Sonntagmorgen würden so anfangen. Die Hütte hat Ad 2003 begonnen: zuerst Bäume gefällt, einen kleinen Teich ausgehoben und dann eine Hütte, eine Sauna, einen größeren Schuppen für seine Ahornsirupherstellung (ja, es gab selbstgemachten Ahornsirup! Jammy!!!!) und einen Holzschuppen gebaut. Es ist so umwerfend da! Drumherum nur Wald und Vögel und mittendrin wir! Ich lernte auch gleich sämtliche Tierarten Kanadas kennen. Gut, den Grizzly gab es nicht, dafür aber überdimensonale Buntspechte, schwarze Eichhörnchen, Hirsche (4 Tage später gesichtet), einen frischgefangenen Waschbären, riesige Schmetterlinge und Kolibris!!!!! Ja, wirklich Kolibris und die fliegen dort rum, wie bei uns die Spatzen! Ich war wirklich sprachlos! Ad hat für diese extra Tränken mit Zuckerwasser aufgehangen und wenn einer kam, dann kamen etliche hinterher. Und ein paar Sekunden später waren dann wieder alle verschwunden. Sehr interessant kann ich euch sagen!
Naja, auf dieser Lichtung hatten wir dann Messe, was wirklich wunderschön, aber auch sehr warm war. Dann ging es mit Ads Quad durch sein kleines Waldstück und Peter entschied, dass wir die Mittagspause nutzen sollten, um mir die Gegend etwas zu zeigen. Tja, ich werde noch ziemlich bevorzugt behandelt... Und wieder ging es über unzählige Landstraßen an Feldern vorbei auf denen ab und an eine Farm mit mehreren Scheunen stand. 9 von 11 Geschwistern Peters sind in Watford geblieben und so fuhren wir quasi jede Farm seiner Familie ab und hielten bei dem einen oder anderen. So zum Beispiel bei Bart. Ich erinnere mich deswegen so gut daran, weil wir nach einem Bier in seiner Küche (zum Bier komme ich später) seinen Garten begutachten durften. Im Übrigen haben alle seine Geschwister um das Haus herum Rasen und Bäume und Gärten und das ungefähr mindestens in der Größe eines Fußballfeldes. Alles ist hier viel größer! Naja, wir standen also in Barts Garten und ich bekam meinen Mund nicht mehr zu: überall riesige Kürbisse, Bohnen und Tomaten, reife und tiefrote Tomaten. Bart sagte, wir sollen uns ruhig bedienen, er wüsste langsam nicht mehr wohin mit dem ganzen Gemüse. Also aß ich! Diese Tomaten waren der Hammer, süß und saftig!
Viele seiner Geschwister haben auch einfach mal eine Horde Schafe am Haus, wie ihr auf den Fotos sehen könnt. Oder eine Holzhütte für den Sommer, die sie, wenn sie gehen einfach nicht abschließen. Das war mir auch bei Ad und Rita aufgefallen. Die ließen immer den Fernsehr im Wintergarten laufen, selbst wenn wir für einen Nachmittag wegfuhren und schlossen selten ab. In der Gegend kommt einfach kaum jemand vorbei, sagten sie. Und wenn jemand käme, dann solle er sich ein Bier nehmen, fernsehen und wieder gehen, wenn es ihm reicht – ein wahnsinniges Gottvertrauen!
Am Nachmittag ging es dann zur Reunion der Familie in einen großen (und damit meine ich kanadisch-klein) Park, in dem auch ein kleiner Badesee war. Die Familie war nicht ganz vertreten und trotzdem waren es fast 100 Leute! Ich spielte einige Runden Kupp und wurde von mal zu mal schlechter, unterhielt mich mit fast allen Geschwistern, erinnerte mich am Ende aber nur an maximal 5 Namen. UND ich genoss mein erstes kanadisches Barbeque und es war umwerfend. Das Fleisch war toll zubereitet von einem Neffen Peters.
Wayne, ein Highschool-Lehrer, der wirklich sehr lustig war und seine eigenen Grill einfach mal so auf dem Anhänger mitgebracht hatte. Er ist einer der Menschen, die ich sicher nicht vergessen werde. Er hat durch eine schwere Krankheit ein Bein verloren, joggt aber nun wieder täglich, spielt Hockey und ist voller Lebensfreude – sowie irgendwie alle Sanders, so mein Eindruck. Den Sonnenuntergang schaute ich mir dann vom Steg am See an und versuchte erneut zu realisieren, wo ich bin. Aber ich glaube, das dauert noch ein wenig. Der Tag war auf jeden Fall in all seinen Facetten sehr bereichernd.

28. August 2010

Ein Wochenende in Watford - Samstag (Ankunft)

Am Samstagmorgen fuhren nun also Flavie, Peter und ich Richtung Watford (Ontario). Peters Familie stammt eigentlich ursprünglich aus Holland. Seine Eltern kamen in den 50er Jahren mit allen 12 Kindern mit dem Schiff nach Kanada um dort als Farmer ein neues Leben anzufangen. Fast alle Geschwister blieben in der neuen Heimatstadt Watford, weswegen dort jährlich eine Reunion stattfindet. Und die war eben an diesem Wochenende geplant.
Da ich ein wenig die Landschaft Kanadas kennenlernen sollte, entschied sich Peter nicht die großen Highways zu nehmen, sondern Landstraße zu fahren. Natürlich war das wahnsinnig interessant, nicht nur wegen den Wäldern durch die wir überwiegend fuhren, sondern auch, weil ich so einen schnellen Einblick in die kleinen Städte bekommen konnte. Und auch hier muss ich wieder sagen: typisch amerikanisch! Flache Häuser mit kleinen Vorgärten und Rasen und nicht zu vergessen den typischen Briefkästen. Die Städte waren auch meist nicht sehr groß, hatten eine Hauptstraße, die eine andere Hauptstraße kreuzte und an der man meist die Tankstelle und einen kleinen Markt samt Imbiss fand. Dann stand mit einem Mal ein riesiges Schild auf der Straße: Highway gesperrt. Dazu sei gesagt: es ist nicht wie in Deutschland, dass so etwas im Radio übertragen wird. Das Land ist hierfür wohl zu groß. Ebenso wie für eine kleine Umleitung. Gesperrte Straßen bedeuten hier, dass man entweder zurückfährt bis ein anderer Highway kommt, oder eine riesige Umleitung fährt. Schaut euch kanadische Karten an, dann wisst ihr was ich meine. Wir entschieden uns für die lange Umleitung. Je weiter es Richtung Westen ging, desto mehr wurden die Wälder allmählich von Feldern abgelöst. Ich habe Mais erkennen können, viele Bohnen- und bereits abgeerntete Felder. Absolut interessant war für mich dabei die Gegend um St. Jacobs. Überall waren wirklich quadratische (!) Felder zu sehen und alle 5 Felder eine kleine Farm. Das heißt: ein richtiges Haus, mindestens eine Scheune, einige kleinere Holzhäuser, kleine Gemüsegärten und ein Windrad. Und anscheinend hatten alle den selben Architekten, denn wirklich jede Farm sah gleich aus. Wäre ich mit meinem spitzen Orientierungssinn gefahren, wären wir sicherlich immernoch unterwegs. Aber nun zurück zu St. Jacobs. Die Gegend um die kleine Stadt ist berühmt für seinen hohen Anteil an Menoniten. Diese sind eine Glaubensgemeinschaft, die sich von jeglicher modernen Technik abwendet, nicht mal Strom benutzt und sich dabei auf die Bibel beruft, in der ja schließlich auch niemand mit diesem modernen Schnickschnack gelebt hat. Tja und deshalb fahren sie auch überall nur mit Pferdewagen herum, nähen ihre Kleider selbst und sind leicht zu erkennen, da ihr Stil eher auf das frühe 20. Jahrhundert datiert werden würde. Wir fuhren also durch St. Jacobs und sie waren überall! Die Straßen in und um die Stadt herum sind extra breiter und haben eigene Verkehrzeichen, sodass die Buggies dort lang fahren können. Es war Samstagabend, Zeit für deren Kirche und so kam uns ein Wagen nach dem anderen entgegen. Die ganze Familie war teilweise untergebracht und damit spreche ich von mindestens 4 Kindern. Peter erzählte, dass die Menoniten nette Menschen seien und dazu mit die besten Agrarprodukte liefern, weil sie Landwirtschaft noch ganz traditionell betreiben. Dennoch, so Peter, haben sie ein großes Problem und das sei die Inzucht. Vor einigen Jahrzehnten gab es noch nicht so viele von ihnen und dann sollte aber dennoch unter allen Umständen die Familie erhalten bleiben. Heute versuchen die Menoniten in St. Jacobs mit anderen Gebieten im Austausch zu bleiben.

Nach 10 Stunden Fahrt, was durchaus normal ist für kanadische Verhältnisse kamen wir dann endlich bei Peters Bruder Ad und seiner Frau Rita in Watford an, wo uns zum Abschluss des Tages eine Lasagne und ein Bier erwartete. Oh, an dieser Stelle sei vielleicht noch eine Kleinigkeit zum Fahren in Kanada gesagt: obwohl die Wege hier viel weiter sind, als Touren in Deutschland fährt hier kein Auto über 120 km/h! Ich war geschockt! Auf dem Highway sind 100 km/h das Tempolimit und Peter sagte, sein Auto hätte die 120 km/h seit dem Kauf nicht überschritten... Als ich dann von einer meiner Fahrstunden erzählte, in der ich an die 200 km/h gefahren war, schauten mich alle entsetzt an. Seitdem werde ich mit dem „german way of drive“ aufgezogen und ich bin sicher, so schnell kein Lenkrad in meine Hände zu bekommen.

27. August 2010

Der erste Tag


.. bestand ehrlich gesagt nur darin, dass ich versuchte mich einigermaßen zurecht zu finden. Das Haus, in dem ich nun lebe, ist immerhin riesig. Nach einer Führung durch die neue Bleibe hörte ich ab Stockwerk 2 auf, die Schlafzimmer zu zählen (und das Haus hat 3 Stockwerke + Dachboden und Keller). Mein Zimmer hat ein eigenes Badezimmer! Dann gab es eine Speedtour durch die Stadt und in den nahegelegenen Supermarkt (ich habe dort sage und schreibe 20 Dollar für ein Shampoo, eine Zahncreme, ein paar Wattepads und eine Gesichtsreinigung ausgegeben!!! Man sollte für sowas eben doch in einen Dugstore gehen!). Und vielmehr habe ich bis heute leider auch nicht gesehen. Weshalb nicht, dazu in einem baldigen Post mehr. Den sonnigen Abend verbrachten Peter und ich quatschend auf der Veranda. Irgendwie hatte ich mir das immer typisch amerikanisch vorgestellt, aber das sollte ich noch bei vielen Dingen in den kommenden Tagen denken...
Zum Abendessen kam eine gute Freundin Peters vorbei, Flavie. Sie ist ursprünglich aus dem französischen Teil Kanadas und eine sehr liebe und interessante Person, wie ich an diesem Abend feststellen durfte. Zusammen wurde nun also mein Begrüßungsessen gekocht: Steak vom Grill, Zucchinigemüse, gebratene Kartoffeln und Salat. Dazu gab es einen kanadischen Wein und gegessen wurde natürlich auf der Veranda. Aufgrund meines Jetlags wurde ich aber schon recht bald müde und verschwand noch vor dem Dessert ins Bett... umso besser, denn am nächsten Tag sollte es früh Richtung Westen gehen.
An diesem Abend lernte ich allerdings schon, dass die Kanadier ein Volk der Komplimente ist. Ich hörte an jenem Tag wie gut doch mein Englisch sei, obwohl ich doch nur rumstotterte und die meiste Zeit Tabu mit den Leuten spielte (umschreiben von Begriffen mit anderen Wörtern bis sie erraten, was ich meine). Aber dennoch ließ es sich an dem Abend und auch seitdem sehr gut leben, da hier momentan sommerliche Temperaturen von 30 Grad bis 35 Grad herrschen. Dieses Wetter sollte zu einem wunderschönen Wochenende beitragen.

Der Hinflug

Der folgende Text entstand schon letzte Woche und konnte aus Zeitgründen nicht online gehen. Dafür habt ihr nun umso mehr;)

Hallo und liebe Grüße aus Kanada :)!

Ich bin nun also gelandet und bevor es morgen schon wieder in eine andere Richtung geht und ich sicherlich danach noch mehr zu erzählen habe, kommt hier eine kleine Zusammenfassung meines bisherigen Werdeganges. Der Hinflug war super! Besser hätte es eigentlich nicht laufen können. Meine Eltern und ich waren pünktlich da, um einen Fensterplatz zu reservieren, das Gepäck aufzugeben und noch etwas zu essen. Dann hieß es bald: ab zum Gate. Die Sicherheitskontrollen selbst waren relativ human. Ich wurde nicht zu sehr verhört und mehr als meinen Gürtel musste ich in Deutschland nicht abnehmen (in den USA mussten dann noch die Schuhe daran glauben.)

Der 1. Flug von Frankfurt bis nach Washington verlief problemlos. Ich saß neben Murat, einem jungen Doktorant, der schon öfter geflogen war und somit unter anderem die Qualität des Essens empirisch auswerten konnte (vergleichsweise das Beste was es geben kann!). Durch den ziemlich wolkenlosen Himmel war es ebenfalls möglich zu sehen, ob wir gerade über Land oder Wasser waren. Das Einzige, was störte, war die Lautstärke der Treibwerke. Etwas Lustiges darüber: ich saß nicht nur am Fenster, sondern am Notausgang. Das heißt, ich wurde von einer netten Stuardess zu Beginn des Fluges gefragt, ob ich mich mental gesund fühle und ich dachte nur „Woher weiß sie, dass ich zum ersten Mal fliege?!“, aber zum Glück gab es ja Murrat.. Schlafen konnte ich im Flugzeug allerdings nicht, was auch daran lag, dass wir eigentlich nur der Sonne entgegenflogen und es stetig bis Washington hell war, also machte ich einige Spaziergänge in den Servicebereich und unterhielt mich von circa 2 bis 3 Uhr deutscher Zeit mit einem New Yorker Studenten und einem Texikaner, die absolut ihre Herkunftsklischees erfüllten. Ich bediente mich aber ebenfalls einem Klischee und trank einen Tomatensaft auf Eis und ganz ehrlich, er schmeckt dort oben genauso wie unten; also nichts mit Druckeinfluss auf Geschmack! Die Landung selbst war ziemlich smooth! Dennoch ziemlich durchgenudelt, selbst nach 5 Tassen Kaffee, trottete ich zu meinem Gepäck. DENN: in den USA muss man das Gepäck nochmals aufgeben. Ich war überglücklich als ich meinen Rucksack auf dem Fließband sah. ABER: Zu früh gefreut, der komplette untere Teil des Rucksacks samt Schutzsack war voll von einer öligen Substanz und stank nach ranziger Butter. Meine gute Laune war dahin, noch dazu wurde ich nun ziemlich müde.

Die Maschine von Washington nach Ottawa war klein, sehr klein, eine Art Jet. Wir waren ungefähr 20 Mann. Kaffee gab es aber trotzdem und einen netten Herrn neben mir, der die gleiche Bücherserie wie ich laß. So verflogen (ha! Wortwitz!) die anderthalb Stunden schnell und ich landete wieder sehr sacht in der Hauptstadt Kanadas. Mein Rucksack war nun noch öliger und ich ziemlich erledigt. Die halbe Stunde in der Einwanderungsbehörde machte das nicht besser. Ich war deshalb sehr froh, als ein älterer Herr meinen Namen am Ausgang sagte, den ich also als Peter, meinen Ansprechpartner, erkannte und der mich in meine neue Heimat fahren sollte. Nach einem Begrüßungsbier, ein wenig Smalltalk, ein paar Anrufen und einigen Heimwehtränen durfte ich gegen halb eins kanadischer Zeit endlich ins Bett fallen.



26. August 2010

Jetzt gehts los...

Es ist Donnerstag der 26. August 7 Uhr früh und NATÜRLICH kann ich nicht mehr schlafen. Die Aufregung ist viel zu groß und mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Heute um 17 Uhr geht mein Flieger Richtung Kanada.

Nachdem ich gestern noch fleißig gepackt(mein Rucksack wiegt gerade mal 15kg!), mich von einigen lieben Menschen noch verabschiedet habe und eine kleine nervenzerreißende Probe durchstehen musste, bin ich voller Vorfreude und Erwartung auf das, was da kommt. Dabei sah es gestern für mich für einen kleinen Moment danach aus, dass ich garnicht fliegen würde. Meine größte Angst besteht nämlich nicht darin, dass ich in Ottawa nicht zurecht komme, nein meine größte Angst ist, erst garnicht dahin zu kommen. So war es gestern Zufall, dass ich von einem Touristenvisum erfuhr, dass ich brauche wenn ich in der USA umsteigen will. Ich war geschockt! Visa brauchen normalerweise Tage, WOCHEN... aber dieses konnte dann doch nach 30 min ausfindig gemacht werden und war schnell per Mail in meinem Postkasten. Eine gute Nachricht kam auch gestern noch von der Professorin, die mir das Praktikum vermittelt hatte. Sie hatte mit meinem dortigen Ansprechpartner Peter Sanders telefoniert und wusste schon, was ich am Wochenende machen werde. :) Geplant ist ein Ausflug zu seiner Familie in die Nähe von Detroit, da diese wohl ein Fest feiert. Und auf dem Rückweg... suprise!... soll es an den Niagarafällen vorbeigehen. Gleich am ersten Wochenende!!! Jippie!

Es kann nun also losgehen voller Vorfreude und wenn ich daran denke, schlägt mir mein Herz bis zum Hals. Für alle, die es nicht mehr genau wissen: es geht um ein Praktikum an der Catholic School Board in deren Auftrag ich in den Schulen Ottawa als Seelsorger, Lehrer und in der Verwaltung tätig sein werde. So ist es geplant...

Ich werde Deutschland und euch alle hier vermissen und verspreche soviele Karten wie möglich zu schreiben. Dieser Post wird auch hoffentlich oft genug aktualisiert. Also schaut bei Gelegenheit mal rein. Fühl euch alle nochmal gedrückt! Und wenn ihr heute gegen 17:30Uhr einen Flieger am Himmel seht, der aus Richtung Frankfurt Richtung Norden fliegt, dann winkt mal kräftig - das könnte ich sein! :)