21. Oktober 2010

Truthahn, nichts als Truthahn!

Ich werde mich diesmal einfach nicht für den späten Eintrag entschuldigen, ihr seid es wahrscheinlich eh schon gewohnt.
Am vorletzten Wochenende fand das kanadische Thanksgiving statt. Für mich war es neu, dass dieses Thanksgiving nicht mit dem der Amerikaner zusammenfiel. Die haben ihres erst im November. Das Kanadische wird wiederum nicht ganz so groß aufgezogen, Truthahn gibt es aber dennoch und ein langes Wochenende für die Schüler. Jedenfalls für die Schüler der katholischen Einrichtungen. Dennoch für Paul und mich und alle anderen Mitarbeiter des Catholic School Board Ottawa begann das Wochenende mit dem Christian Community Day am Freitag. Dieser Tag ist nur für die Mitarbeiter des Boards gedacht, was aber dennoch einer Besucherzahl von 4000 Leuten entspricht. Diese kamen an diesem Tag zusammen, um gemeinsam zu beten, das letzte Jahr mit einigen PowerPoints und Vorträgen zu reflektieren und in den Kaffeepausen miteinander zu quatschen. Sehr interessant war der Vortrag eines Native Americans, der von seinen Erfahrungen als Pädagoge und Psychologe erzählte. Dieser war so gut, dass ich kurzer Hand meinen Notizblock herausholte und mitschrieb. Ach ja... die guten alten Vorlesungen.
Danach ging ich mit Paul und dem Lehrpersonal noch in einen nahegelegenen Pub.
 














Am Samstag musste ich relativ früh aus den Federn, denn Kerri, eine Kommilitonin aus dem Unikurs, hatte mich zu einer Wanderung in den Algonquin Nationalpark eingeladen. Dieser Nationalpark ist mit einer Fläche von 7500 km² einer der größten Nordamerikas. Er beherbergt fast alle Tierarten Kanadas, darunter auch Bären und natürlich den berühmten Elch. Man kann dort nicht nur wandern, sondern auch paddeln, Rad fahren und campen. Das Wochenende war perfekt um dort wandern zu gehen. Es war sonnig und warm, das Laub war aber dennoch schon bunt und die Blätter begannen zu fallen. Schon die Fahrt dorthin war sehr reich an Eindrücken und Naturbildern. Wo noch vor einigen Wochen grüne Bäume standen, war nun eine Mischung aus dunklen Rottönen, Kürbisorange und Goldgelb zu sehen! Eine großartige Aussicht. Am Parkrand angekommen, mussten bezahlten wir den Eintritt und mussten das Autokennzeichen im Falle einer Vermisstenmeldung durchgeben – sicher ist sicher. Und dann fuhren wir wieder circa 20 min, denn wie gesagt, der Park ist groß. Kerri und ich hatten uns vorgenommen eine kleine Tour mit schöner Aussicht und eine größere Tour zum wirklichen Wandern zu gehen. Die erste Tour war gerade mal 1,5km lang, dafür aber sehr sehr beeindruckend. Wir parkten auf einer Lichtung und waren nur wenige Meter einen Berg hinauf gegangen als sich auch schon die Bäume lichteten und wir direkt an einem ziemlich steilen Abhang standen. Unten im Tal war ein Fluss, uns gegenüber ging direkt an den Klippen der Wald weiter. Es war umwerfend!!! Es war möglich das Tal einige Kilometer zu verfolgen und so setzten wir uns an den Abhang und genossen ein wenig die Aussicht. Dies war wieder einer der wenigen Augenblicke, wo ich dachte „DAS ist Kanada.“
Etwas weiter trugen wir uns in ein Wandererbuch ein, stiegen wieder ins Auto und fuhren zur nächsten Strecke. Die zweite sollte circa 12 km lang sein und führte mehr durch den Wald. Es war schwierig, sich auf die Bäume und den Weg zu konzentrieren und so hielten wir einige Male an um Fotos zu machen und die Natur zu bewundern. Nur so nebenbei, Elche oder Bären haben wir an diesem Tag leider nicht gesehen, dafür aber sehr viele Erdhörnchen. Diese sind sehr schnell, etwas kleiner als Eichhörnchen und haben einen nicht so buschigen Schwanz und Streifen auf dem Rücken und sie sind super süß!!! Fotografieren war aber leider unmöglich. Der Weg führte uns zu einige wirklich schönen Seen, deren Anblick mich an sämtliche Reisemagazine erinnerte. Kleine Wasserfälle verbanden den See mit einem Fluss, der wiederum in einen anderen See mündete und alles in Sehweite. Und wir beobachteten dies alles von einigen Felsen aus, die ideal an den Wasserfällen „platziert“ waren – danke Mutter Natur! Dort machten wir unsere Mittagspause und gingen den Weg wieder zurück. Ich weiß, dass das alles nicht sonderlich aufregend klingt, aber es war nunmal eine Wanderung. Aber schaut euch die Bilder an... die Eindrücke waren wirklich einmalig!
Am Sonntag morgen fand bei uns in der Hausgemeinde der Thanksgivinggottesdienst statt, der vom Prinzip her mit dem Erntedank-Gottesdienst zu vergleichen ist. Da ich mir durchaus der Masse an Essen bewusst war, die da auf mich zukommen sollte, huschte ich im Anschluss gleich in Fitnessstudio. Gerade aber mal 5 min auf dem Laufband, rief mich Kerri mit einem Mal an, um mich zu fragen, ob ich eine Stunde eher abholfertig sein könnte. Ich war verschwitzt und verdutzt, denn das war in gerade mal 45 min. Da sie es aber nicht all zu eilig hatte, konnte ich zumindest mein Lauftraining beenden und so holte sie mich und eine weitere Kommilitonin am Nachmittag ab. Ich muss dazu sagen, dass das Thanksgivingdinner bei den meisten Familien auf 16Uhr angelegt ist...
Als wir dort ankamen, waren die Vorbereitungen noch in vollem Gange. Es sollte zwei Truthähne geben und etliche Beilagen: Kartoffelbrei, Süßkartoffeln, Brokkoli, Bohnen, Erbsen, Salat, die Füllung des Truthahn und zweierlei Soßen. Eine Menge Arbeit also, aber wir waren ja auch genug Leute um das Ganze vorzubereiten.
Gegen 17 Uhr wurden dann auch das Buffet eröffnet und jeder lud sich ordentlich auf den Teller. Ich ging fest davon aus, dass bei der Menge an Essen jeder mindestens zweimal zum Buffet gehen würde und war ziemlich überrascht als nach einem Teller jeder am Tisch absolut voll zu sein schien. Ich hatte natürlich noch Appetit und fragte Kerris Mutter ob es unverschämt wäre, wenn ich nochmal gehen würde. Die freute sich natürlich riesig und schob mich fast zum Truthahn. Alle anderen waren einfach nur beeindruckt, dass ein kleiner Mensch wie ich so eine Menge Essen verdrücken kann. Den Kuchen, den es zum Nachtisch gab, hab ich natürlich auch nicht ausgelassen, was noch mehr Verwunderung hervorrief. Nach dem Essen saßen wir eine Weile zusammen, quatschten über dies und das und über Deutschland. Die meisten Leute wollen hier Genaueres über die Teilung wissen und wie es so in Ostdeutschland war. Ich muss dann immer sagen, dass ich leider nicht aus eigener Erfahrung sprechen kann, aber trotzdem wird immer sehr gespannt zugehört.
Zum krönenden Abschluss lud mich Kerri in den Whirlpool auf der Terrasse des Hauses ein und so ließen wir Mädels den Abend in einem blubbernden wohlriechenden Bad beim beobachten der Sterne ausklingen. Und für den Nachhauseweg und die restlichen 30 Jahre nach dem Essen, gab es einen riesigen Berg an Resten zum Mitnehmen.
Auch der Montag sollte nochmals ganz im Zeichen des Truthahns stehen. Diesmal aber in anderer Form. Ich war zum Haus der Oblates eingeladen, einer Ordensgemeinschaft die laut Wikipedia zu den Benediktinern gehört. Alle Freunde des Hauses waren eingeladen und so hatte Bradley, ein sehr guter Freund von mir auch mich gefragt. Insgesamt waren dort an die 30 Leute und der Truthahn reichte genau für alle. Es gab wieder ein Buffet, die Runde war diesmal allerdings lockerer. Amy und ein paar Freunde von ihrer Party waren auch da. An sich war der Abend aber eher sehr gemütlich und nachdem wir Mädels noch mit aufgeräumt hatten, ging ich vollgefuttert nach Hause. Thanksgiving habe ich in Kanada als nicht als zu übertriebene Feier festgestellt, wenn man mal von der Größe des Truthahns absieht. Die Reste werden hier im Übrigen eingefroren und später für Sandwichs verwendet. Die Knochen kochen sie für einen Suppenfond, was ich wirklich toll fand. Es wurde wirklich alles verwendet und kaum etwas weggeschmissen. Im Endeffekt ist es ein Wochenende um mal ein wenig Zeit mit Freunden oder der Familie zu verbringen, mehr Bedeutung schien es aber in meinen Augen für die Kanadier nicht zu haben. Wobei Freunde und Familie ja doch bedeutungsvoll genug sind....

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